Die Stellung der altägyptischen Kultur in der Bewußtseinsentwicklung der Menschheit Die ägyptische Geistigkeit war von dem heutigen Intellek- Gregoire Kolpaktchy Es ist meine tiefste Überzeugung, daß eine jegliche Arbeit, Thomas Carlyle Die
meisten ägyptologischen Arbeiten enthalten mehr oder weniger die scheinbar selbstverständliche Voraussetzung, daß die Menschen in den alten Zeiten zwar andere Inhalte des Denkens und Fühlens hatten
und „noch nicht so viel wußten“ wie wir heutigen Menschen, daß aber die Seelenverfassung, die Art des Bewußtseins zu allen Zeiten die gleiche gewesen ist.
Archäologen, Sprachforscher und Historiker haben in bewundernswerter Weise eine Fülle von Zeugnissen, Tatsachen und Zusammenhängen gefunden, die uns sehr nahe an die äußeren Lebensumstände
der Ägypter herangeführt haben. Die Entzifferung der ägyptischen Schrift vermittelte die Illusion, die schriftlichen und bildlichen Äußerungen dieser Kultur nun weitgehend verstehen zu können. Die Frage nach
dem Charakter des Bewußtseins dieses Volkes blieb oft weitgehend unbeachtet. Entwicklungsstufen und „Sothis-Perioden“ Der amerikanische Naturwissenschaftler und Forscher Ken Wilber hat, verschiedene Denkmodelle
zusammenfassend, eine Evolutionsgeschichte des menschlichen Bewußtseins vorgelegt, die sich auf die Arbeiten bedeutender Vertreter der Mythologie (wie Joseph Campbell), der Anthropologie (wie Ernest Becker und
Norman O.Brown), der Biologie (wie L.L. Whyte) und der Historie (wie Morris Berman) beruft.
Das menschliche Bewußtseins hat sich, so Wilber, im Laufe von Jahrtausenden von drei ,,präpersonalen“, unbewußten Entwicklungsstufen bis heute zu einer vierten ,,personalen“, selbst-bewußten Bewußtseinsart
entwickelt. Wilber ordnet das Alte und das Mittlere Reich Ägyptens der dritten präpersonalen Entwicklungsstufe zu.
Der Mensch entwickelte in jener Zeit Sprache und mentale Symbole. Sein zunächst noch ausschließlich
verbales Ich, also ohne eigentliches Subjektivitätsbewußtsein, lebte ganz im Banne eines Gruppen-Über-Ichs. Zwar war die Ich-Empfindung schon strukturierter als vorher, aber dieses Ich konnte sich noch nicht von
Körper, Natur, Emotionen und Unbewußtem lösen. Der Mensch lebte in einer Welt imaginierter Bilder in Mythos, Schrift und Kunst. Das Zeitempfinden war zyklisch und jahreszeitlich geprägt. Zum ersten Mal in der
Menschheitsgeschichte wurden gegenwärtige Handlungen auf die Zukunft ausgerichtet. Wilber unterscheidet bei allen Phasen, also auch bei den für unsere Erörterung interessanten, zwischen
dem ,,Durchschnittsbewußtsein“ der Mehrheit der Menschen, das sich u.a. in einer ,,exoterischen“ Religion niederschlägt, und dem ,,esoterischen“, fortgeschrittenen Bewußtsein einer eingeweihten Minderheit. Letztere
entfaltete als Träger höheren Bewußtseins erst keimhaft, dann zunehmend eine frühe Form von Verstandes-Denken.
Die Anfänge der vierten Evolutionsstufe, der personalen, sind in der Zeit des Neuen Reiches anzusetzen. Langsam entstand nun ein personales Ich-Bewußtsein, das aus der Bindung an Kosmos, Natur und Körper
auszubrechen begann. Eine frühe Form von Verstandes-Denken entwickelte sich weiter und bestimmte allmählich und in begrenztem Maß auch das Durchschnittsbewußtsein. Das Zeitbewußtsein wurde linear und
führte zu einem gerichteten Zukunftsdenken. In Ansätzen entstanden freier Wille und individuelles Verantwortungsbewußtsein. Wilbers Analyse stimmt in vielen Punkten mit den Darstellungen des
Steiner zählt für die gesamte ägyptische Bewußtseinsgeschichte - also für vordynastische und dynastische Zeit - vier ,,Sothis-Perioden“. Was hat es damit auf sich?
Das ägyptische Jahr hatte drei Jahreszeiten: die Zeit der Überschwemmung des Landes durch den Nil, die
Aussaat und die Ernte. Dieses ,,natürliche Jahr“ verschob sich aber in Bezug auf das ,,gezählte Jahr“ dadurch, daß die Ägypter für ein Jahr 365 und nicht 365 ¼ Tage rechneten.
Der Jahresbeginn wurde mit dem Erscheinen des Sirius, des hellsten Sterns am nördlichen Himmel, gefeiert. Denn der erste Frühaufgang des Sothis - so nannten die Ägypter den Sirius - kündigte nach einer
Zeit der Unsichtbarkeit das Nahen der Nilschwemme an und damit die neue Fruchtbarkeit des Landes. Dieser gefeierte Jahresbeginn wanderte also im Laufe der Zeiten allmählich durch das ganze Jahr hindurch,
nach jeweils 4 Jahren sich um einen Tag verschiebend, bis er nach einer Zeitspanne von 1460 Jahren - also 365 x 4 - wieder ,,richtig“ geworden war. Diese Zeitspanne von 1460 Jahren nannte man eine Sothis-Periode. Für Steiner stellen die Sothis-Perioden aber nicht nur einen äußeren Rhythmus dar, sondern gleichzeitig
einen inneren, in dem die gesamte geistige Entwicklung Ägyptens schwingt: Die erste Sothis-Periode (5702-4242 v.Chr.) und die zweite (4242-2782 v.Chr.) sind dadurch
gekennzeichnet, daß die noch ich-losen Menschen direkt mit höheren Wesenheiten verkehrten.
Dritten Sothis-Periode (2782-1322 v.Chr.). Dies ist die Zeit des ,,imaginativen Hellsehens“ in Form innerer geistiger Bilder. Bei den Trägern eines fortgeschrittenen höheren Bewußtseins keimt langsam ein
individuelles und imaginatives Denken auf.
Die vierte Sothis-Periode (1322 v.-138 n.Chr.) beginnt mit Haremhab, dem Nachfolger Tut-Ench-Amuns. Stufenweise entwickeln sich Keime eines subjektiv-reflexionsfähigen Ichs und logisch-analytischen Denkens.
Wir werden sehen, daß die (Ideal-)Zahlen, die den Übergang von einer Sothis-Periode zur nächsten angeben, Einschnitte auch in der künstlerischen Entwicklung markieren. Dies deutet schon eine innere
Beziehung zwischen Kunst und geistiger Entwicklung an. Vom „alten Hellsehen“ zur Imagination Entscheidend für die geistige Entwicklung Ägyptens war - so Steiner - die Prägung von Urpersien her. Von
dort kam vor Beginn der ersten Sothis-Periode Hermes Trismegistos, den die Ägypter später als Gott Thoth verehrten. Er lehrte die Ägypter die Geheimnisse des Raumes, sowohl oben am Himmel (Tierkreis, Planeten) wie unten auf Erden (Geometrie und Feldmeßkunst). Er gab ihnen die Urformen der Schrift. Er besaß „alte hellseherische Einblicke“, kannte die Gesetze der geistigen Welt und sah deshalb in allen irdisch-räumlichen Verhältnissen etwas wie Abbilder der himmlischen Verhältnisse - und die himmlischen Verhältnisse dargestellt in der Sternenschrift. Im irdischen Raum der kosmischen Ordnung aber ist die Materie ausgebreitet. Deshalb waren die Hermesgeheimnisse Mysterien der Materie. 8) Daher kam es, daß die ägyptische Kultur intensiv dem Erdenstoff, der materiellen Raumes- und
Sinnenwelt zugewandt war. Die spirituelle Stoffwissenschaft, die sich mit den ätherischen Bildekräften der Erdenstoffe beschäftigt, also mit den Kräften der raumfüllenden, alles durchdringenden Urenergie, aus der alle
anderen Energieformen und die Materie hervorgehen, diese Stoffwissenschaft entstand in Ägypten (Chemie und Alchemie). 9)
Sie bezog sich auch auf dem Menschen. Bis zum Ende des Alten Reiches waren Reste des ,,alten Hellsehens“ vorhanden, bei dem die Menschen
ihre Offenbarungen in direktem Kontakt mit höheren geistigen Wesenheiten erhielten. Das Ende der zweiten Sothis-Periode, also die Zeit der ersten Dynastien, ist die Entstehungszeit der
typisch ägyptischen Art der Menschendarstellung und deshalb von besonderem Interesse. In dieser Zeit begannnen die Eingeweihten Ägyptens in den Mysterienstätten zu lernen, wie die geistigen
Kräfte mit den physischen Kräften korrespondieren. Religion, Wissenschaft und Kunst waren noch eins. Das alte Hellsehen wurde zunehmend abgelöst von einem imaginativen und analogen Denken, welches komplexe
Zusammenhänge in ganzheitlichen Gestalten erfaßt und verknüpft sowie Polaritäten und Paradoxien erlaubt. Dieses ,,Denken“ schuf Symbole, Mythen und die Bilder der neuen, dynastischen Kunst.
Da zu jener Zeit, so Steiner, Tages- und Nachtbewußtsein noch nicht so scharf getrennt waren, und die
Seele nicht nur im Schlaf, sondern auch im Wachen noch nicht so fest mit dem Leib verbunden war, löste sich das geistig-seelische Wesen des Menschen in einer Art Schlafbewußtsein vom Leib und ging in die
übersinnliche Sphäre. Von da brachte es schöpferische Anregungen mit (Wahrtraum). Der imaginativ Hellsichtige nahm die physisch-sinnliche Welt noch geistig wahr, er konnte die ätherische Aura von
Gegenständen, Tieren und Menschen sehen. Das Auge nahm noch die in der Erscheinungswelt wirkenden Lebens- und Bildekräfte wahr.
Da Stoffliches und Geistiges im Bewußtsein noch nicht klar getrennt waren, blieb die Sinneswahmehmung
noch vermischt mit übersinnlicher Imagination. Die Imagination war also nicht ein abstrakter Gedanke, der danach in ein Bild gekleidet wird. Bilder werden vielmehr als spontane Erscheinung einer übersinnlichen
Wirklichkeit gefunden. Mehr und mehr wurden die ,,hellseherischen“ Bilder auch durch Gedankenkräfte erfasst, das Gedankenleben fließt aber noch aus der geistigen Welt, ist kein selbst erzeugtes.
Vor dem geistigen Ohr ertönten und vor dem geistigen Auge erschienen mathematische und andere „wissenschaftliche“ Bilder und Resultate (freilich noch ohne die Fähigkeit der verstandesmäßigen Begründung
oder logischen Beweises).
Die imaginative Erkenntnisart der alten Ägypter kann eine Erklärung sein für die im ägyptischen Flachbild
aspektivische, also zweidimensionale künstlerische Darstellung. Rudolf Steiner sprach 1922 in einem Vortrag über die Raumesdimensionen, die ein Mensch bei den verschiedenen Stufen der übersinnlichen Erkenntnis -
Imagination, Inspiration und Intuition - erlebe. In diesem Zusammenhang machte er geltend, dass der Mensch die Welt der Imagination zweidimensional erlebe. 12) Es liegt die Vermutung nahe, dass die alten Ägypter wie auch andere Kulturen, zu deren Zeit die imaginative Erkenntnis vorherrschend war, deswegen eine
aspektivische Kunst besassen. Die gegenständliche, an den äusseren Sinnen orientierte Erkenntnisweise hingegen braucht drei Dimensionen. Dementsprechend haben dann später die Griechen, die zu dieser
Erkenntnisform vorgedrungen sind, in der bildenden Kunst die Perspektive entwickelt. Als Organ der Imagination wird von dem Astrophysiker Erich Jantsch das limbische System des Gehirns
angenommen, in dem der Ursprung der Träume vermutet wird und welches bei den Menschen damals eine größere Rolle gespielt habe als heute. Steiner hingegen sah als Organ der Imagination den sympathischen Teil des Autonomen Nervensystems in
der Herzgegend (Solarplexus) an. Das würde erklären, wieso bei den Ägyptern das Herz als Sitz des Wissens galt. Später, ab dem Mittleren Reich, habe sich das imaginative Bewußtsein bis hoch in die
Kehlkopfregion und in den Kopf verschoben. Dies ließe sich wieder mit Jantschs Auffassung vereinbaren.
Heute wird uns der grösste Teil des Wissens des alten Ägypten nicht so sehr durch das Lesen von Texten zugänglich, sondern vor allem durch das Lesen von Bildern und Symbolen. Vor allem darf man sich bei der
Betrachtung und Reflexion von Kunstwerken, Hieroglyphen und Mythen nicht auf die äußere Sinnebene beschränken. Unterhalb dieser gibt es tiefere Ebenen des Verständnisses, die freilich schwerer zu erschließen sind.
Die Mysterienstätten Das ,,alte Hellsehen“ und das imaginative Bilderschauen sowie das analoge Denken wurden in den Mysterienstätten geschult.
Mysterienstätten, die es zu allen Zeiten gegeben hat, sind für Steiner ein Schlüssel zum Verständnis der geistigen Impulse, die von Eingeweihten mit höherem Bewußtsein gegeben wurden und die zur
Weiterentwicklung des menschlichen Bewußtseins während der jeweiligen Kulturstufe beitrugen. Das esoterische Wissen wurde streng gehütet, seine Bedeutung wurde ausschließlich von Eingeweihten vollständig
verstanden. Die Mysterien wirkten im Verborgenen. Erst während der griechischen Antike traten sie in das Blickfeld weiterer Kreise. Als die Menschheit zu eigenem Ich und damit zu verstärkt eigener individueller
Verantwortung gelangt war, erfüllte sich die Mission der Mysterienstätten. Für die Existenz von Mysterienstätten im alten Ägypten und die dort stattfindenden Einweihungen in das
esoterische Wissen gibt es eine Reihe klarer schriftlicher Belege: So heißt es z.B. in der Sonnenlitanei 185: „O Pharao, ..., der die Einweihung in die Mysterien der
Unterwelt kennt, du bist einer, der eingedrungen ist in die Heiligkeit der Mysterien.“
In der ägyptischen Abteilung des Louvre in Paris befindet sich die Grabstele eines Hohenpriesters von Memphis mit Namen Ptah-Mer
, welche die Worte trägt: ,,Er drang in die Geheimnisse jedes Heiligtums ein; nichts blieb vor ihm verborgen. Er bedeckte mit einem Schleier alles, was er gesehen hatte.“ 16) Ähnliche Andeutungen finden sich vielfach in ägyptischen Quellen. In den Bänden 1-3 der Historien von Herodot (400 v.Chr.), im Buch des Apollonius von Tyana (ca. 50
n.Chr.) und in Andeutungen des Josephus Flavius (200 n.Chr.) haben wir Zeugnisse von Menschen, die in niedrige Grade der späten ägyptischen Mysterien eingeführt wurden. Weitere Griechen, die diese
Einweihungen erfahren haben, sind Solon, Thales, Pythagoras, Demokrit von Abdera, Plato, Plutarch (Hoherpriester des Apollo) und Plotin. Über die Einweihungsriten und -inhalte wird natürlich nur wenig oder nichts überliefert, denn - so Herodot: ,,Über diese Mysterien, die ich wahrhaftig und ohne Ausnahme kenne, muß ich religiöses Schweigen bewahren.“ 18) Plutarch läßt uns immerhin wissen: ,,Im Augenblick des Todes macht die Seele die gleichen Erfahrungen, wie jene, die in die großen Mysterien eingeweiht wurden... Die Mysterien waren auch dazu bestimmt, den Sinn wertvoller Geschichtsereignisse zu bewahren.“ 19) Und der Syrer Jamblichos, ebenfalls eingeweiht in Geschichte und Sinn der Evolution des menschlichen Geistes, schrieb: ,,Die Erkenntnis der Götter kann nur dadurch erfolgen, daß wir in uns selber einkehren und uns selbst erkennen lernen. Deshalb sage ich, daß der göttliche Teil des Menschen, der einst mit den Göttern dadurch verbunden war, daß er ihres Daseins gewahr wurde, später in einen anderen Zustand geriet, und durch die Bande der Notwendigkeit und des Schicksals in Fesseln gelegt wurde. Daher ist es nötig zu bedenken, wie er aus diesen Fesseln befreit werden könnte. Es gibt keine andere Lösung dafür als die Erkenntnis der Götter. Dies ist das Ziel der Ägypter in ihrem priesterlichen Erheben der Seele zur Gottheit.“ 20) In Anlehnung an diese Quellen lassen sich die Inhalte, die dem durch Schulung und Prüfungen vorbereiteten Schüler auf dem Wege der Initiation vermittelt wurden, kurz zusammenfassend so schildern: Der Einzuweihende schaute in die Vergangenheit der Menschheitsentwicklung, er lernte sich selbst im Innern kennen, er erlebte die Transzendenz des eigenen Geistig-Seelischen über den Tod hinaus, er schaute die Zusammenhänge von Makro- und Mikrokosmos und wurde in die geheimen ,,Wissenschaften“ eingeführt. Es ist freilich zu bedenken, daß es unterschiedliche Grade der Einweihung gab und daß Form und Inhalt der Mysterien sich im Laufe der ägyptischen Geschichte sicherlich gewandelt haben.
Die Pharaonen In den Mysterienstätten geschulte Träger höheren Bewußtseins waren vor allem die Pharaonen. In der Zeit
der ersten vier Dynastien galten diese selber als ,,hohe Geistwesen“ (Steiner), die mit sich jeweils eine neue Bewußtseinsstufe auf die Erde brachten. Deshalb wurden in dieser Zeit die Pharaonen als Götter verehrt,
welche nach ihrem Tod direkt wieder in eine göttliche Daseinsform wechselten. Mit der 5.Dynastie trat eine Veränderung ein. Nun waren die Pharaonen menschliche Inkarnationen, die
als höchste Eingeweihte (Magier/Adepten) von höheren Individualitäten, von höheren Geistwesen inspiriert wur Bezeichnenderweise bleiben die Pharaonen des Alten und Mittleren Reiches als Persönlichkeiten
weitgehend anonym. Besonders von denen des Alten Reiches wissen wir nahezu nichts Biographisches. Dies deutet auf die Unwichtigkeit ihrer menschlichen Person hin. Sie waren höhere Geistwesen bzw. von solchen
Wesen inspirierte Führer mit bestimmten Aufgaben kulturschöpferischer Art. Am Ende der dritten Sothis-Periode war es der Pharao Echnaton, der als erster Repräsentant einer
voranschreitenden Individualisierung des Menschen über eine doppelseitige Erkenntnis verfügte: zum einen die physische Wahrnehmung von außen, zum anderen ein geistiges Denken von innen her. Echnaton war seiner
Zeit jedoch weit voraus, weshalb auch seine religiösen, künstlerischen und politischen Neuerungen scheitern mußten
Die vierte Sothis-Periode war vollends vom erstarkenden Ich-Bewußtsein und von Vorformen des reflexiven Denkens gekennzeichnet. Nicht umsonst finden wir im Neuen Reich eine Blüte subjektiver
Frömmigkeit - die Einzelperson setzt sich in ein persönliches Verhältnis zu Gott - und ein erstarkendes persönliches Gewissen.
Ab ca. 1300 v.Chr. wich die spirituelle Hermeskultur langsam aber stetig - von Echnatons Zeit kurz unterbrochen - dem imperialen Ich-Prinzip (Ego-ismus) der meisten nun folgenden Pharaonen und der
Machtanmaßung einer spirituell weitgehend entarteten Priesterschaft. Thutmoses III. bereits markierte mit seinem erfolgreichen Streben nach Weltmacht für Ägypten den Übergang in eine Zeit, in der das
Mysterienwesen zurückging und nur noch aus der Zurückgezogenheit wirkte. Seit dieser Zeit waren die Pharaonen in ihrer Mehrzahl wohl keine wirklich Eingeweihten mehr. Daher
galten sie „nur“ noch als menschliche Verwalter der göttlichen Pläne. Alles Göttliche bzw. Halbgöttliche war von ihnen genommen. Je menschlicher die Pharaonen wurden, desto deutlicher tritt ihre Biographie und ihre
Persönlichkeit aus dem Dunkel der Anonymität heraus. Neben dem Pharao waren es vor allem die Hohenpriester der verschiedenen Mysterienstätten und wohl
auch manche Wesire des Reiches, die als Träger höheren Bewußtseins anzusehen sind. Die Hierarchie in der Priesterschaft und im Staate war - jedenfalls im Alten Reich - vor allem eine geistige Hierarchie des
Bewußtseins. Dies änderte sich nach und nach, je mehr Pharao, Priesterschaft und Beamtenwesen später von Machtinteressen als Ausdruck des erstarkenden Ich geprägt wurden. Das Volk
Während also höheres, esoterisches Bewußtsein zunächst auf einen Kreis von Auserwählten beschränkt war, entwickelte sich die exoterische Volksreligion aus der Imaginationsfähigkeit des Durchschnittsbewußtseins,
die durch Mythen und öffentliche Mysterienspiele geschult wurde, in welche die Eingeweihten ihre Erkenntnisse und Erlebnisse kleideten.
Drei Bedeutungsebenen sind dabei zu unterscheiden: die gegenständliche bzw. historisch-physische, die seelische und die kosmisch-geistige Ebene. Der Wahrheitsgehalt der mythischen Bilder sollte im Volke auf
unbewußte Art wirken, er sollte in der Volksseele als geistige Wachstumskraft wirken. Denn das Volk war zwar auch im Zustande der Bilder-Imagination, lebte aber doch überwiegend in der Sinneswelt, hatte also
selbst keine entfaltete Imagination der dahinter stehenden Geisterwelt und konnte erst recht nicht die Gesetzmäßigkeiten der geistigen Welt erkennen. Es galt, im Volk die Empfindungsseele (ägyptisch: Ba) zu entwickeln, d.h. die Fähigkeit, auf Reize der
Außenwelt mit Empfindungen zu antworten. Die Empfindungsseele wiederum hängt in bezug auf ihre Wirkung von der Lebenskraft (ägyptisch: Ka) des physischen Körpers ab. Die Menschen lernten, sich in ihrem Leib
einzuleben und sich im Zentrum der Welt zu finden. Die geschilderten zwei Bewußtseinsarten waren auch bei der Erschaffung und Verwirklichung der ägyptischen Kunst wirksam:
Inspirierte Pharaonen und Weise entwickelten die Kunst und lehrten Neuerungen so, daß Menschen, die jenes höhere Bewußtsein nicht besaßen, diese umsetzen und anwenden konnten.
Nachgeordnete Künstler und Gehilfen waren mit Hilfe der im Regelkanon niedergelegten Grundsätze in der Lage, Bilder zu schaffen, ohne deren Sinn und Gehalt wirklich verstehen zu können. An Bildern geschulte
Assoziationsfähigkeit, eine an die Sinneswahrnehmung gebundene Imaginationskraft und das Befolgen von Anweisungen - diese Faktoren erklären Arbeitsweise und Fähigkeiten der großen Mehrheit der Kunstschaffenden.
Diese geistesgeschichtlichen Hintergründe bilden die Grundlage eines tieferen Verständnisses von der Rolle der Anmerkungen 1) Gregoire Kolpaktchy, Ägyptologe und Theosoph.
Zitat aus: Gregoire Kolpaktchy, Das ägyptische Totenbuch, Bern 1970, Der Beginn einer solchen Sothis-Periode ist für das Jahr 1322 v.Chr. durch
Dem ägyptischen Hohepriester Manetho aus dem 3.Jhdt. v.Chr. werden das Es gibt Äußerungen einiger antike Autoren wie Solon, Herodot und Diodor
, Der griechische Historiker Herodot, der sich um 450 v.Chr. in Ägypten aufhielt,
Der britische Archäologe Emery kommt in Würdigung der Quellenlage zu dem-
5) Siehe hierzu: Rudolf Steiner, Die geistige Führung des Menschen und der Mensch- 6) Rudolf Steiner unterscheidet für jene Zeit genaugenommen drei Arten fortge
a) Imaginativ Hellsehende. Sie wußten von den in der Sinnenwelt wirkenden b) Eingeweihte. Sie waren nicht hellsichtig, aber sie kannten durch Inspiration
c) Die Magier, später auch Adepten genannt. Sie konnten hellsehen und waren
Der Einfachheit halber unterscheide ich nicht zwischen den drei Formen, sondern 7) Es war nicht selten, daß nachfolgende Generationen einen großen Weisen der 8) Die Lehren, die heute als hermetische Schriften überliefert sind, also die soge-
9) Die Begriffe Chemie und Alchemie sind sprachlich wahrscheinlich ägyptischen 10) Siehe dazu: Ernst Uehli, Kultur und Kunst Ägyptens, Dornach 1975, S.327 ff. 11) Der amerikanische Psychologe Julian Jaynes entwickelte in den siebziger
Im „bikameralen“ Entwicklungsstadium verfügte das Menschenhirn über Der geschilderte Zustand findet sich auch bei schizophrenen Kranken, die 12) Rudolf Steiner, Die vierte Dimension. Mathematik und Wirklichkeit, Dor-
13) Emil Jantsch, Die Selbstorganisation des Universums, München 1982,
Daher sind die vielfältigen Zusammenhänge höherer Mathematik, die in den Viele große wissenschaftliche Entdeckungen der Neuzeit kamen übrigens auf 14) Auch die Ägyptologin Emma Brunner-Traut (Frühformen des Erkennens am
Siehe dazu: Frank Teichmann, Die Kultur der Empfindungsseele, Stuttgart 1990 Julian Jaynes
, Der Ursprung des Bewußtseins durch den Zusammen- Thorwald Dethlefsen
, Krankheit als Weg, München 1983, S.39 ff. 15) Jan Assmann, Liturgische Lieder an den Sonnengott, Berlin 1969, S.30 16) Paul Brunton, Geheimnisvolles Ägypten, Bergisch-Gladbach 1986, S.225
20) Ebenda, S.216 f. (zurück zum Text)21) Siehe Anm.6
Zu Einweihung und Rolle des Pharao siehe: Frank Teichmann, Der Mensch und sein Tempel. Ägypten, Stuttgart 1978, Derselbe, Die Kultur der Empfindungsseele, Stuttgart 1990
Derselbe, Die ägyptischen Mysterien. Quellen einer Hochkultur,
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