Die Kunstschaffenden und die Rolle der Kunst Ein Kunstwerk hat einen Urheber, und dennoch, wenn es Simone Weil
Es ist nur wenig überliefert, was die soziale Stellung sowie das persönliche und berufliche Selbstverständnis der Künstler im alten Ägypten betrifft. 2
) Die Kunst war weitgehend anonym: Wir
kennen kaum mehr als ein Dutzend Namen von Künstlern. Eigentlich gibt es den Begriff des Künstlers im alten Ägypten noch gar nicht. Schon im Alten Reich gab es für den „Künstler“ und den
,,Handwerker“ nur einen gemeinsamen Begriff. Das entsprechende Wortzeichen ist die einem Steinbohrer nachempfundene Hieroglyphe.
Der Künstler wurde also als ein Kunst-Handwerker angesehen. Er arbeitete nach Vorlagen, unterstand dem Tempel bzw. der staatlichen Verwaltung, arbeitete auf Bestellung für einen bestimmten
Zweck und signierte in der Regel seine Arbeit nicht. Neben anderen Handwerkern arbeitete er in der Werkstatt, mal ein Tischbein, mal eine Holzfigur schnitzend. An Statuen und Reliefs haben mehrere
Künstler verschiedene Arbeitsgänge nacheinander ausgeführt (Abb.1).
Abb.1: Bildhauerwerkstatt (ca. 1440 v.Chr.)
In den allgemeinen Werkstätten der Künstler des Alten Reiches gingen Bildhauer, Maler, Kunstschreiner und Balsamierer (!) gemeinsam ihrer Arbeit nach und bildeten dort ihre Schüler aus.
,,Lebenshaus“ nannte man diese Stätten. Dort fand übrigens auch die Ausbildung von Ärzten statt. In späterer Zeit gab es freilich Ateliers, die von einzelnen Künstlern geführt wurden. Dort scharten
die ,,Oberbildhauer“ ihre Schüler um sich und unterwiesen sie. Überhaupt gab es eine streng hierarchisch aufgebaute Standesorganisation. Da gab es ,,Bildhauergehilfen“, ,,gemeine Bildhauer“,
,,Aufseher der Bildhauer“ und eben die ,,Oberbildhauer“. Trotz seiner Einordnung ins Handwerk und obwohl der Künstler in seiner Kreativität eingeschränkt
war durch das Regelwerk des Kanons und durch funktional gebundene Vorgaben, welche die Kunst weitgehend zur Dienerin religiös-kultischer Zwecke machte - trotz alledem ist auch der Künstler im
alten Ägypten tatsächlich ein Künstler gewesen. Denn erstens ist bei der Durchführung eines größeren Auftrags - etwa bei der Dekorierung eines
Grabes oder eines Tempels - eine künstlerische Gesamtleitung Voraussetzung. Zum zweiten sind bei aller kanonischen Gleichförmigkeit die Gräber und Tempel unterschiedlich gestaltet. Immer wieder
treten Innovationen und individuelle Gestaltung von Motiven, Kompositionen und Stilelementen einzelner Kunstwerke auf. Besonders im Bereich der Rundplastiken sind künstlerische
Einzelleistungen, individuelle künstlerische ,,Handschriften“ nachweisbar. Und drittens läßt sich aus der unterschiedlichen Qualität vieler Kunstwerke schließen, daß es sowohl den künstlerisch Begabten wie
den einfachen Kopierer gab. Daß die Künstler weitgehend anonym geblieben sind, widerspricht nicht der Tatsache, daß es eine Fülle genialer Künstler gegeben hat. Die Übersetzung des ägyptischen Wortes für ,,Bildhauer“, s-ankh
, bedeutet: ,,der lebendig macht“, und es wird von ihm gesagt: ,,Ohne seine Kunst ist kein Weiterleben“ (nach dem Tode, d.Verf.). Das
Erschaffen einer Statue wurde mit dem Begriff für ,,Gebären“ bezeichnet. Dies gibt dem Künstler eine über das Handwerkliche hinausgehende Bedeutung und weist klar auf einen geistig-religiösen Auftrag
der Kunst hin. Und in der Tat ist bis zum Neuen Reich Kunst überwiegend religiöse Kunst gewesen. Selbst wenn sie weltliche Inhalte zur Darstellung brachte, diente sie einem spirituellen Zweck.
Der Künstler diente einer göttlichen Aufgabe, er war Ausführender eines überpersönlichen Kunstschaffens. Erst die direkte oder imaginative Durchlässigkeit für die geistige Welt, für das
Göttliche, gab der Kunst die Möglichkeit, eine Welt lebendiger Ordnungen widerzuspiegeln. Der Schutzgott der Künstler ist nicht von ungefähr der Ur- und Schöpfergott Ptah, der Gott aller
formbildenden Kräfte, die im menschlichen wie im göttlichen Schaffen zur Offenbarung kommen. So gesehen ist die Anonymität der meisten Künstler nicht verwunderlich, da sie in ihrem Bewußtsein
noch nicht als ich-starke Individuen existierten. Nur vereinzelt und erst ab dem Mittleren Reich treffen wir auf individuelle Selbstdarstellungen oder Signaturen von Kunstwerken. Die Person des Künstlers
tritt noch weitgehend hinter die ,,Gruppenzugehörigkeit“ (Ken Wilber) und hinter den göttlichen Auftrag zurück.
Ägyptologen wie Heinrich Schäfer vermuten, daß die Kunst im nördlichen Landesteil entstanden ist, weil dort die Ursprünge der ägyptischen Kultur insgesamt zu finden seien. Dies stimmt überein mit der Aussage
Rudolf Steiners, daß die entscheidenden Kulturimpulse durch das im Norden entstandene Mysterienwesen gegeben wurden. Schäfer nimmt die Stadt Memphis als die in den Anfängen führende
Kunstmetropole an. Denn der Gott dieser Stadt, der Weltschöpfer Ptah, war schon früh zum Schutzherrn der Künstler und Handwerker im ganzen Land geworden. Sein Hoherpriester trug den Titel ,,Oberleiter der Künstler“.
Die Götterlehre der ,,großen Neunheit“ der Götter, an deren Spitze Ptah stand, wurde freilich nicht direkt in Memphis, sondern im nahe gelegenen Sonnen-Heiligtum Heliopolis begründet. Dort gab es
eine große Tempelschule und gewisse Zentralmysterien. Bekanntlich waren es die Pharaonen bzw. Weise aus ihrer unmittelbaren Umgebung, die alle
entscheidenden Kulturimpulse einleiteten, also auch die Entwicklung der spezifisch ägyptischen Kunst. In vielen Fällen ist dies durch schriftliche Quellen gut belegt. Offenbar waren neben dem Pharao und höheren Weisen auch die führenden Künstler zumindest in niedrige Mysteriengrade eingeweiht oder hatten Anteil an geheimem Wissen. Denn die kanonischen ,,Musterbücher“ waren Bestandteil geheimen Wissens, das als heilig galt. Der Ägypter bezeichnete sie daher auch als ,,Gottesbücher“, die im ,,Lebenshaus“ von Priestern aufbewahrt wurden, wo auch die jüngeren Künstler ausgebildet wurden (Abb.2).
Abb 2.: Symbol für das Lebenshaus (aus dem Papyrus Salt 825) Führende Künstler sind auch als Priester ausgewiesen, wie z.B. auf einer Stele aus dem Mittleren Reich, wo es heißt: ,,O all ihr Priester, die ihr in die Gottesworte eingedrungen und der Schrift kundig seid, ihr seid es, die im Lebenshaus erhellt wurden... und in die Schriften des Bücherhauses eingedrungen sind... ihr, die ihr das Grab dekoriert...“ 6 ) Interessant ist die Biografie des Hof- und Oberbildhauers Irtisen aus der Anfangszeit des Mittleren Reiches, gefunden auf seiner Stele am Osiris-Tempel in Abydos. Er sagt da: ,,Ich kenne das Geheimnis der Gottesworte.“ Gemeint ist damit offensichtlich eine geheime, esoterische Bedeutung von Hieroglyphen und Bildern. Er zählt dann seine künstlerischen Fertigkeiten auf und fährt fort: ,,Es gibt keinen, der Kunde darin erlangt hätte unter allen Leuten, außer mir allein und meinem ältesten leiblichen Sohn, nachdem der Gott befohlen hatte, daß er für ihn darin kundig sein sollte.“ 7)
Wenn aber nicht nur der tiefere Inhalt der Kunst und sein Zweck der Geheimhaltung unterlagen, sondern auch der spirituelle Sinn des Kunstkanons und grundlegende künstlerische Fertigkeiten, so
war also auch der Stil in erster Linie geistig-inhaltlich und nicht einfach formal bestimmt, wie manchmal behauptet wird.
Der Kunststil war die Sichtbarmachung des Unsichtbaren, eines geistigen Inhalts ( Anmerkungen 1) Simone Weil
, christliche Philosophin und Mystikerin (1909-1943) 2) Siehe hierzu: Walther Wolf, Das Problem des Künstlers in der ägyptischen Kunst,
Philipp Vandenberg, Nofretete, München 1984, S.47 ff. Heinrich Schäfer, Von ägyptischer Kunst, Wiesbaden 1963, S.68 und 70 f. Gottfried Richter
, Ideen zur Kunstgeschichte, Frankfurt/M. 1983, S.30 f.
4) Auch die abendländische Kunst bis ins Hochmittelalter ist anonym. Freilich tritt 7) Zitiert nach: Wolfgang Schenkel, Memphis. Herakleopolis. Theben, in: Ägyp-
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