Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit der Künstler im alten Ägypten Nur das Ewige ist unverletzbar durch die Zeit. Soll ein einer Eingebung, die von jenseits des Himmels herabsteigt.
Übersinnliche Wahrnehmung und Menschenbild Um zu verstehen, wie die Künstler die abzubildende Welt wahrgenommen haben, muß man wissen,
welche hauptsächlichen Wesensanteile die alten Ägypter bei sich selbst wahrgenommen haben. Die folgende Übersicht gibt die wichtigsten Wesensanteile wieder, welche die Ägypter in ihrem
Mensch-Sein unterschieden haben: Wesensanteile im ägyptischen Menschenbild: Chat: stofflicher Leib Ka
: Lebenskraft, Träger von Fortpflanzung, Formbildung und Wachstum Ba: repräsentiert die Körperhaftigkeit der Seele (Instinkte, Sinnesempfindungen, Ach: geistiges Urbild des Ba; unsterblicher geisterfüllter Seelenanteil
Man beachte, daß die Ägypter demnach keinen Ich-Anteil in der Vorstellung über sich selbst bessaßen. Der Ka des Menschen wird in der Menschenkunde der Geisteswissenschaft
Rudolf Steiners „Ätherleib“, oder „Lebensleib“ bzw. „Bildekräfteleib“ genannt. Steiner steht mit der Annahme eines solchen Wesensgliedes in einer Tradition abendländischen Denkens, die u.a. von Aristoteles
über Paracelsus bis zu I.H. Fichte reicht. Wir wissen, daß der Bei der Schilderung des physiologischen Wissens in der Heilkunde des alten Ägypten hatte ich
darauf hingewiesen, dass die ägyptische Bezeichnung des Herzens als Sitz des Denkens (im Papyrus Ebers) vielleicht eine bestimmte Beziehung zwischen geistiger und physischer Ebene andeuten sollte Während heute, so Rudolf Steiner
, Ätherleib (Ka) und Astralleib (Ba) fest an den physischen Leib (Chat) gebunden sind, war diese Verbindung der Leibesebenen bei den Ägyptern noch nicht so eng.
Daher konnten Äther- und Astralleib den physischen Körper mehr beherrschen, was eine gleichsam natürliche Imagination und Inspiration möglich machte.
Auf der anderen Seite stand der physische Leib für die Ägypter noch in inniger Verbindung mit den Kräften der Erde. Es gab im Bewußtsein keine Trennung zwischen Körper und Seele, zwischen Erde und Mensch.
Die Ägypter stellten sich die Erde als gleichsam organisches Wesen vor, und die Kräfte der Erde wirkten in den Leib hinein durch ihre formbildenden Ätherkräfte. Wenn der Leib krank ist, so ist sein
Verhältnis zur Erde gestört, da er ja aus ihren Elementen (vor allem aus Wasser, aber auch aus Erde, Luft und Wärme) genommen ist. Daher auch der hohe Stellenwert der körperlichen Reinigung durch das Element Wasser bei den Ägyptern.
Der anthroposophische Kunstgeschichtler Ernst Uehli sagt: So wie das menschliche Bewußtsein im Laufe langer Zeiträume eine Veränderung durchgemacht habe, so habe auch das menschliche Auge
als Sehorgan eine solche Veränderung erfahren.
Der vordere Teil des Auges, welcher die Sinneseindrücke empfange, sei zur Zeit des alten Ägypten bei den Menschen noch viel lebendiger gewesen, als dies später und heute der Fall ist. Das Auge war
noch von Lebens- und Bildekräften durchzogen. Ein solches Auge empfand die in der Erscheinungswelt wirkenden Lebens- und Bildekräfte, also den Ätherleib lebendiger Wesen, mit. Der
Schutzgott der Künstler war Ptah, Gott der schöpferischen Bildekräfte. Daher - und nicht etwa, weil sie der intellektuellen Abstraktion fähig gewesen wären - konnten die
ägyptischen Kunstschöpfer noch das Wesenhafte des Menschen erkennen und in der Kunst zur Darstellung bringen. Je mehr und ausschließlicher sich der Mensch später, beginnend mit den Griechen, den äußeren
Sinneseindrücken hingab, um diese in ihren Gesetzmäßigkeiten verstandesmäßig zu erkennen und dadurch auch technisch zu beherrschen, desto mehr zogen sich die Lebenskräfte in das hintere Auge zurück.
Sollte Ernst Uehli recht haben, könnten die alten Ägypter - jedenfalls die Schöpfer der Kunst in der Anfangszeit - bei der Wahrnehmung des Menschen den formgebenden Ätherleib (Ka), als
Grundlage der materiellen Körperstruktur erlebt haben.
Abb.: Der Ka des Pharao Horus Dachur, 13.Dynastie
Diese Deutung wird noch erhärtet durch das Wort ,,Mkat“ (Ka mit m als Präfix) , was ,,Basis“
oder ,,Unterlage“ bedeutet; also einen Bauteil bezeichnet, der etwas zu tragen hat. Auch ein Verb, das aus Ka gebildet wird, nämlich ,,kawt“, hat die Bedeutung ,,tragen“, „hochheben“. Im Ka (Ätherleib)
wurde also von den alten Ägyptern eine Kraftrichtung als wirksam erlebt, die der Erdenschwere entgegengerichtet ist. Die Haltung der beiden Ka-Arme (senkrecht nach oben) deutet in dieselbe Richtung (s.Abb.).
Für die alten Ägypter war der menschliche Ka Teil eines kosmischen Ka. Wir finden zum Beispiel viele Darstellungen, wo der kosmische Ka die Sonne aus dem Dunkel der
Nacht an den Tageshimmel emporhebt (!) und dadurch erscheinen lässt. In Bezug auf die menschliche Aufrichtung hat für die alten Ägypter die Sonne eine vermittelnde
Rolle gespielt zwischen kosmischem Ka und menschlichem Ka. Dies kommt in vielen Texten zum Ausdruck. So heißt es im Sonnengesang des Echnaton: ,,Am Morgen bist du aufgegangen am
Horizont und bist strahlend als Sonne des Tages... Die Menschen sind erwacht und stehen auf den Füßen, du hast sie aufgerichtet.“ Wenn wir diesen Vorstellungen der Ägypter über den Zusammenhang zwischen Körperstruktur,
menschlichem Ka, kosmischem Ka und der Sonne neuzeitliche Auffassungen gegenüberstellen, können wir auffällige Parallelen feststellen. Ida Rolf
schrieb: Bei Lebewesen „mit zunehmenderr Herausbildung von Ordnung definiert sich eine strukturelle Organisation bezüglich Gravitation und Antigravitation, und diese grundlegende, in der
Erde verwurzelte Polarität drückt sich im vertikalen Auftrieb aus... Die vertikale Ausrichtung des Menschen bringt einen energetischen Bezug zwischen Sonne und Erde zum Ausdruck....“ Ida Rolf
nimmt also in Bezug auf Wachstum und Aufrichtung des Menschen einen „energetischen Bezug zwischen Sonne und Erde“ an, eine „polarisierte Vertikale“. In diesem Zusammenhang macht
sie besonders auf die Wirkung aufmerksam, welche Sonne und Schwerkraft auf das Blut und die Körperflüssigkeiten haben, und zwar besonders im Hinblick auf das mesodermale Gewebe (Myofaszien usw.). Dieses mesodermale Gewebe hat
Ida Rolf als das Organ der Struktur beim Menschen angesehen. Es ist in unserem Kontext wichtig festzuhalten, dass die sie die Antigravitation
der Schwerkraft zuordnet und nicht der Sonne. Denn mit Antigravitation meint sie offensichtlich die Stützkraft vom Boden her, die durch die Schwerkraft hervorgerufen wird. Sie verbleibt hier also im Newton
schen Denkmodell von Schwere und Leichte. In seinen humanphysiologischen Schriften und Vorträgen macht Rudolf Steiner zunächst ganz
ähnliche Zusammenhänge geltend. Für ihn ist der Ätherleib/Bildekräfteleib wesentlich an der Gestaltbildung des Menschen beteiligt, vor allem die flüssigeren Anteile des Bindegewebes und das
Blut. Als unterstes übersinnliches Wesensglied wirken die Formprinzipien des Bildekräfteleibs in den physischen „Ausfüllungsmaterialien“. Im Unterschied zu Rolf gibt Steiner
jedoch noch etwas zu bedenken. Nach seiner Auffassung, die von anthroposophisch orientierten Wissenschaftlern aufgegriffen und weitergeführt wurde, sind der
Raum und alle Lebensprozesse von einer fundamentalen Polarität zwischen Ausdehnung und Zusammenziehung gekennzeichnet. Daher müsse das Konzept der Schwerkraft durch die zu ihr polare
nichtphysikalische Kraft, die „Leichte“ (Levitation) ergänzt werden.
Vor allem die flüssigeren Anteile des Bindegewebes und das Blut vermitteln auf- und absteigend im Körper zwischen den zusammenziehenden Erdkräften und den lösenden Ätherkräften, die vom
Kosmos her einstrahlen. Neueste bio-physikalische Denkmodelle gehen ebenfalls davon aus, dass ein Auftriebs-Feld des Blutes zwischen der absteigenden Aorta und der aufsteigenden vena cava existiert,
das durch einen Gegenstrom-Energieaustausch der Wassermoleküle im Blutplasma entsteht. Das Auftriebs-Feld (Leichte-Feld) reduziert demnach die Trägheit des venösen Blutes, erleichtert somit
dessen Rückfluß zum Herzen. Die relative Leichtigkeit des Blutstroms durch die ebenfalls spiralig angeordneten myofaszialen Gewebestrukturen des Körpers macht den Organismus als Ganzes leichter. Neben Bildekräfteleib und kosmischem Äther ist – so Steiner - ein drittes Element an der strukturellen Aufrichtung des Menschen beteiligt. In die Ätherkräfte, die von der unendlich fernen Raumesperipherie, aus einer Art „Gegenraum“ kommen, mischen sich die Astralkräfte der Sonne und anderer Planeten. Sie regen im Ätherischen die Bildekräfte an, welche die physische Form hervorbringen, und üben eine hebende, hinaufziehende Wirkung auf den Menschen aus. 11) Das Licht wird als die „negative Gravitation“ angesehen, es ist als Sonnenlicht astralen Ursprungs.
Somit ist das Astralische in Form der Sonne das dritte, ausgleichende Element zwischen den Polen Schwere (Materie) und Leichte (Äther). Positive und negative Materialität durchdringen sich im
Menschen, im Zusammenspiel zwischen physischem Leib und Lebensleib. Steiner ist heute näher bei modernen physikalischen Kosmologien, als es noch zu seiner Zeit den
Anschein hatte. Nachdem zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Vorstellung eines „Äther-Raumes“ von der Physik fallengelassen worden war, diskutieren namhafte Physiker und
Biologen inzwischen wieder Vorstellungen von einem „Quantenäther“ oder von einem „morphogenetischen (=form-gebenden) Feld“ als Manifestation einer dahinterstehenden
Lebensenergie. Erinnert sei auch an die jüngst von Wissenschaftlern formulierte Hypothese, dass es im Kosmos entweder eine noch nicht bekannte Form der Materie oder eine Antigravitationskraft geben
müsse. Damit gelangt die moderne Physik in jenen Grenzbereich zwischen materiell verdichteter Welt und jener ätherischen Welt, von der der Ätherleib (Ka) des Menschen ein individualisierter Teil ist.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die alten Ägypter in Bezug auf die Aufrichtung des Menschen in ihrer Kunst eine tiefe Einsicht in Zusammenhänge zum Ausruck brachten, die erst in
unserer Zeit wieder in Umrissen sichtbar werden. Sinnliche Wahrnehmung Wie genau die Ägypter sinnliche Phänomene der Natur sowie deren übersinnliche Urphänomene
beobachtet und wiedergegeben haben, können wir an Beispielen der Tierdarstellung belegen. Emma Brunner-Traut schreibt dazu: ,,Die vortreffliche Beobachtung der Fauna schlägt sich... nieder in der...
bildlichen Darstellung der Tiere. Bei aller Abstraktion steht die Gestalt doch vollkommen da, mit einem einzigen Schwung prägnant und formensicher umrissen, determinierend abgegrenzt gegen den nächsten
Verwandten, aber ohne das geringste überflüssige Detail. ... Nur der kann ein Tier so zeichnen, der ständig mit ihm umgeht und sich in sein Wesen einlebt... Der Höhepunkt der Tierdarstellung liegt
unbestritten in den fast naturwissenschaftlich genau zu nennenden Bildern des Alten Reiches.“ Diese Beurteilung läßt sich durchaus auf die Menschendarstellung der ägyptischen Künstler übertragen.
Es gibt eine erhaltene Selbsteinschätzung durch einen der Künstler, die sich auf seine Fähigkeiten zur Beobachtung und Wiedergabe menschlicher Bewegung bezieht. Es handelt sich um den bereits
erwähnten Oberbildhauer Irtisen aus dem Mittleren Reich. Auf seiner Stele sagt er von sich: ,,Ich kenne das Gehen einer Männergestalt und das Schreiten einer Frauenfigur; den ungestümen Lauf
dessen, der einen Einzelfeind erschlägt...; das Heben des Arms von einem, der auf ein Nilpferd (die Harpune, d.Verf.) wirft; den Schritt eines Laufenden.“ Zusammenfassend kann man sagen: Im alten Ägypten waren das Gespür und ein intuitives Wissen
von den formbildenden Lebenskräften des Menschen noch lebendig. Dies beinhaltete eine ganzheitliche Gestalt-Wahrnehmung und einen ausgeprägten Sinn für räumlich-strukturelle Beziehungen
des Körpers. Soweit es die sinnengebundene Wahrnehmung angeht, so verfügten viele Künstler über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe für Form und Bewegung in der Welt der Tiere und Menschen.
Sie waren auch in der Lage, diese sinnliche Wahrnehmung gestalterisch umzusetzen. Anmerkungen 1) Simone Weil, Schwerkraft und Gnade, München 1981, S.230
Der bedeutende Arzt Paracelsus (1493-1541) nannte dieses Wesensglied
Im 19.Jahrhundert unterschied Immanuel Hermann Fichte in seiner Anthro- Zitate nach: Frank Teichmann
, Der Ka - ein Wesensglied des Menschen in Siehe auch: Olaf Koob, Gesundheit. Krankheit. Heilung. Grundbegriffe einer Ein zusätzliches Licht auf die altägyptische Sichtweise werfen auch neuere 7) Ida Rolf, Rolfing. Strukturelle Integration, München 1997, S.305 f.
9) Manche Behauptung, die heutzutage als eine selbstverständliche hingenommen Siehe hierzu: Ernst Lehrs, Mensch und Materie, Frankfurt/M. 1987, 10) Siehe hierzu: James L. Oschman / Nora H. Oschman
, Gravity, 11) Das Konzept eines „Gegenraumes“ ist ursprünglich von der „projektiven Siehe hierzu: Louis Locher-Ernst:
Raum und Gegenraum. Einführung in die neu- George Adams: Von dem ätherischen Raum, Stuttgart 1981 Marco Bischof: Biophotonen. Das Licht in unseren Zellen, Frankfurt/M. 1995
George Adams, Von dem aetherischen Raum, Stuttgart 1981 Herbert Fröhlich (Hrsg.), Biologische Kohärenz und Reaktion James L.Oschman, Readings on the Scientific Basis of Bodywork, James L.Oschman / Nora H.Oschman, Continuum in Natural Systems, in: 13) E.Brunner-Traut, Die alten Ägypter, a.a.O., S.36 ff. (zurück zum Text) 14) Zitiert nach: Wolfgang Schenkel
, Memphis. Herakleopolis. Theben,
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