Was wußten die alten ÄgypterInnen über Körperstruktur und Bewegung?

 

Wenn man körperbauliche und bewegungsbezogene Gesichtspunkte in die künstlerische Darstellung des Menschen einbezieht, wie es die alten Ägypter getan haben, braucht man entweder Kenntnisse in Anatomie oder ein entsprechendes Körperempfinden oder beides. Letzteres war bei den Ägyptern stark ausgebildet (Körperbewußtsein... ). Wie stand es aber um diesbezügliche Kenntnisse in der Heilkunst?

    An Primärquellen aus diesem Bereich sind etwa ein Dutzend Papyrii erhalten. Die Niederschrift dieser Texte erfolgte etwa zwischen 2000 und 1200 v.Chr. Einige Vorlagen dieser Arbeiten reichen jedoch mindestens bis in die Zeit um 2500 v.Chr. zurück.

    Flavius Clemens Alexandrinus, der Begründer einer christlichen Schule in Alexandria um 200 n.Chr., berichtet von sechs in sich geschlossenen ägyptischen medizinischen Büchern, in denen der Stoff systematisch verarbeitet gewesen sei; eines davon ,,über den Bau des Körpers". Diese sechs Bücher seien Teil von insgesamt 42 heiligen Büchern, die dem Thoth (Hermes Trismegistos) zugeschrieben wurden. Er hatte, so lautete die Überlieferung, den Ägyptern nicht nur die Kunst des Schreibens und die Raumlehre gebracht, sondern auch die Heilkunst. Die 42 Hermetischen Bücher sind jedoch allesamt verschollen.

    Die erhalten gebliebenen medizinischen Texte aus dem alten Ägypten sind keine Lehrbücher im heutigen Sinn, sondern Beschreibungen von Krankheitsfällen und Heilungsanweisungen. Lediglich eingestreute fachliche und philologische Kommentare zu Termini der Pathologie geben Beschreibungen von Lage oder regulärer Funktion einzelner Organe und Körperteile. Die dort wiedergegebenen Vorstellungen über das Gefäßsystem des Körpers und die Rolle verschiedener Organe erscheinen uns als teilweise richtig, teilweise diffus bzw. spekulativ und teilweise falsch.

    Bei dieser Beurteilung ist jedoch dreierlei zu bedenken. Erstens ist die Identifikation vieler ägyptischer Begriffe außerordentlich schwierig für die Übersetzer. Zweitens sind manche Begriffe mehrdeutig. So gibt es beispielsweise einen Begriff, der sowohl Muskeln als auch Sehnen, als auch Adern oder Nerven bezeichnen kann. Ein anderes Wort kann sowohl Körper als auch Fleisch bedeuten. Drittens wissen wir nicht genau, inwieweit sich bei den Beschreibungen physische und geistig-seelische Ebene auf symbolische bzw. analogische Weise mischen.

    Wenn beispielsweise das Herz als Sitz des Denkens bezeichnet wird - etwa im Papyrus Ebers -, so ist damit nicht unbedingt gesagt, daß die Ägypter das Verstandesdenken gemeint haben. Es könnte auch eine geistig-seelische Funktion, also eine Analogiebeziehung zwischen geistiger und physischer Daseinsebene angedeutet sein ( Wahrnehmungs-...).

    Doch lasse ich diese Schwierigkeit der Begriffsdeutung einmal beiseite und schildere nun, was in den Papyrii an Bemerkenswertem zu Anatomie und Physiologie der Bewegung geschrieben steht.

    Es wird dort unterschieden zwischen Haut, Fleisch, Knochen, Knochenmark, Sehnen und Bändern. 1) Interessanterweise werden auch  ,,Lederhaut"-Schichten erwähnt. Damit können - im Kontext betrachtet - nur Bindegewebsschichten gemeint sein. Die Knochen, teilweise auch die des Schädels, werden im einzelnen erwähnt. Die Schädelnähte werden als ,,lederartig" bezeichnet. Offenbar haben die alten Ägypter gewußt, daß auch die Schädelnähte Erwachsener bindegewebig verbunden sind. 2) Die Zahl der Wirbel und das Vorhandensein des Wirbelkanals waren bekannt. So ist von sieben Nackenwirbeln die Rede. 3)

    Interessant ist, daß ein vorrangiges Deutungsmodell der altägyptischen Medizin Gesundheit wie Krankheitsgeschehen als ein Strömen der Körperflüssigkeiten aufgefaßt hat, dem sowohl Versorgungs- wie Ableitungsaufgaben zukamen. Gesundheit war demnach nur dann möglich, wenn die Flüssigkeiten und Substanzen ungehemmt fließen konnten. Stockungen und Hindernisse, die den Fluß beeinträchtigten, führten nach diesem Verständnis zu Krankheit oder gar zum Tode. Diese intuitive Auffassung mutet geradezu modern an, denn die heutige Forschung zum Bindegewebe und seiner Grundsubstanz – die verantwortlich für den ungehinderten Fluß von Nährsubstanzen, Antikörpern, Informationen usw. sind - deutet in dieselbe Richtung. 4)

    Es ist bis heute umstritten, ob beim Einbalsamieren von Leichen zur Mumifizierung anatomische Kenntnisse gewonnen wurden oder nicht. Dagegen spricht, daß sich dies in den Texten in Form von detaillierterem Wissen nicht wiederfinden läßt. Andererseits wurden die Ärzte - es gab auch Ärztinnen - in Einrichtungen mit der Bezeichnung „Lebenshaus" ausgebildet, in dem auch die Einbalsamierer ihrer Arbeit nachgingen. Angesichts dieser Tatsache ist nur schwer vorstellbar, daß keinerlei Erfahrungen und Beobachtungen an den zur Mumifizierung geöffneten Leichen gemacht wurden. Ob religiöse Vorbehalte eine Sektion im heutigen Sinne ausschlossen, wissen wir nicht.

    Die Untersuchungsmethoden der Ärzte offenbaren eine große erfahrungsmedizinische Kenntnis gesunder bzw. gestörter Körperfunktionen. Diese Methoden reichten vom Ansehen des Kranken über Tasten, Riechen bis hin zum Pulsfühlen und anderen Funktionsprüfungen.

    Hier einige Beispiele aus dem Papyrus Edwin Smith(Altes Reich) 5) : Im Fall einer vermuteten Halswirbelverschiebung sagte der Arzt zu dem Kranken: ,,Schau auf deine beiden Schultern und deine Brust." Die Diagnose wurde von der Reaktion bestimmt. War der Patient imstande, den Kopf nach rechts und links sowie nach unten zu bewegen, auch wenn es schmerzhaft war, so handelte es sich nur um eine Zerrung. Konnte er den Kopf nicht bewegen, dann diagnostizierte der Arzt eine Wirbelverschiebung.

    Die gleiche Funktionsprüfung wurde bei einer Reihe von Kopfverletzungen vorgenommen, die eine Steifheit des Nackens verursachen. Der Arzt forderte den Kranken auf, das Gesicht zu heben, um festzustellen, ob dieser den Hals rückwärts beugen konnte, oder den Mund zu öffnen, um zu sehen, ob dies schmerzhaft war.

    Manchmal war es aufschlußreich, den Kranken ein paar Schritte gehen zu lassen. Bei einem Mann mit einem Schädelbruch wurde festgestellt, daß er beim Gehen auf der Seite schlurfte, auf der er die Kopfverletzung hatte.

    Bei einer möglichen Verletzung der Wirbelsäule sagte der Arzt: ,,Strecke beide Beine und beuge sie wieder." Der Patient beugt im Falle einer tatsächlich vorliegenden Verletzung die Beine beim Versuch der Streckung sofort wieder wegen des Schmerzes, den er an einem bestimmten Wirbel spürt. Die Ärzte waren auch in der Lage, empirisch feststellen, daß bei einer Halswirbelluxation die Extremitäten eines Mannes gefühllos waren, daß sein Penis erigiert war und dauernd Urin oder Samen absonderte.

    Die Ärzte rückten bei Bruchverletzungen die beschädigten Knochen zurecht und renkten Knochen wieder ein (s. Abb.). Für letzteres nochmals ein Beispiel aus dem Papyrus Edwin Smith. Dort heißt es: ,,Wenn du einen Mann mit einer Verschiebung (=Luxation, d.Verf.) an seinem Unterkiefer untersuchst und du findest seinen Mund geöffnet, so daß sich sein Mund nicht schließen kann; dann sollst du deine Zeigefinger auf die Enden der Unterkieferknochen im Innern seines Mundes legen und deine Daumen unter sein Kinn; dann mußt du die ausgerenkten Gelenke zusammenfallen lassen, indem sie wieder an ihrer richtigen Stelle sind." 6) Es sollte also ein regulierender Druck auf die Kiefergelenke vom Mundinneren her erfolgen.

 

Abb.: Einrenken der Schulter nach einem Arbeitsunfall (Grabdarstellung), Neues Reich

    In begrenztem Umfang wurde auch operiert. Sogar Schädelöffnungen wurden – allerdings selten - durchgeführt, und zwar bereits in der Zeit der ersten Dynastien. 7)

    Massagen werden häufig in den medizinischen Papyrii erwähnt, bei Patienten mit Rheuma, mit steifen Nackenmuskeln 8) oder verhärteten Kaumuskeln – wenig differenzierend als Stränge bezeichnet, welche die ,,Enden des Kauknochens" an den Oberkiefer „binden".

    Die bei ägyptischen Kunstwerken häufige Rechtwinkligkeit der Gelenkstellung gibt uns einen weiteren Anhaltspunkt für die Kenntnis auch subtiler Körperfunktionen. Hierzu bemerkt der Arzt für Atemheilkunde Dr. Johannes Ludwig Schmitt: „Diese besondere Stellung bedeutet eine Erhöhung der Spannung und der Atem-Reizwirkung, indem, (...) , von der Gelenkstellung über entsprechende Mechanorezeptoren Impulse zur Atemsteuerung mit der Wirkung der Atemvertiefung auslaufen." 9)

    Die alten Ägypter müssen sich auch über den Zusammenhang von weiblichem Beckenbodentonus und der Lage der Gebärmutter im Klaren gewesen sein. Bekanntlich sinkt der Tonus der Beckenbodenmuskulatur und damit die Gebärmutter durch die Geburt eines Kindes nach unten ab. Im Papyrus Ebers wird als Mittel zur Wiederherstellung eines ausgeglichenen Tonus die Anwendung von Aufguß-Dämpfen einer bestimmten Substanz für den Beckenboden erwähnt, Dadurch soll der Uterus ,,wieder an seinen Ort eintreten". 10)

    Zusammenfassend läßt sich zu den medizinischen Papyrii sagen, daß sie für sich genommen noch nicht die Schlußfolgerung erlauben, die Ägypter hätten im Sinne heutigen Verstandeswissens umfassende Kenntnisse körperstruktureller Gesichtspunkte gehabt.

    Wie bereits am Beispiel der verlorengegangenen Hermetischen Bücher erwähnt, stellt die überlieferte medizinische Literatur jedoch nur einen Bruchteil des ursprünglichen Umfangs dar. So sind auch die Werke des Arztes Imhotep verschollen. Der griechische Arzt Hippocrates und der römische Gelehrte Galen berichten, sie hätten in einem Tempel in Memphis (Ägypten) seine Werke gesehen. 11) Ein weiteres Beispiel sind die Bücher über Anatomie des Pharao Sachti (1.Dynastie), die der Priester Manetho zur Ptolemäerzeit erwähnte. Manetho fügte hinzu, Sachti sei ein großer Heilkundiger gewesen. 12)

    Der wichtigste Vorbehalt zur Quellenlage ist jedoch, daß viel Wissen und praktische Erfahrung nur mündlich weitergegeben und teilweise streng geheimgehalten wurden. Die Priesterschaft - auch die Ärzte waren meist Priester - war streng hierarchisch gegliedert. An der Spitze stand ein kleiner Kreis Eingeweihter, der sein Wissen bzw. entsprechende Literatur nur an ebenfalls Eingeweihte weitergab. Es spricht einiges dafür, daß die erhalten gebliebenen Papyrii nur praktische Handlungsanweisungen für die einfachen Ärzte darstellen, deren Bewußtseinszustand mehr dem allgemeinen Durchschnittsbewußtsein des Volkes entsprach.

    Wissenschaftliches Denken im heutigen Sinn war für die Erkenntnisbildung der Ägypter nicht so maßgeblich. Geistige Schau und Intuition sowie praktisches Erfahrungswissen haben sicherlich in der Heilkunde eine größere Rolle gespielt als die Ansätze empirischer Wissenschaft, die es in Verbindung damit natürlich auch gegeben hat. 13) Nicht von ungefähr haben die alten Ägypter immer wieder darauf verwiesen, ihr Wissen sei letztlich göttlichen Ursprungs.


Anmerkungen

1)     Knorpel und Knochen sind begrifflich nicht genau unterschieden
       
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2)     Erst der amerikanische Arzt und Osteopath Dr. Sutherland erkannte dies
        wieder am Ende des 19. Jahrhunderts. Die große Mehrheit der Schulmedi-
        ziner nimmt bis heute noch an, daß die Schädelnähte im Erwachsenenalter
        völlig verknöchern.
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3)     H. Grapow, Über die anatomischen Kenntnisse der alten Ägypter, Leipzig
        1935
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4)     Siehe z.B.:

        Alfred Pischinger, Das System der Grundregulation. Grundlagen für eine
        ganzheitsbiologische Theorie der Medizin, Heidelberg 1985

        James L. Oschman, Energy Medicine. The Scientific Basis, Edinburgh 2000
        (zurück zum Text)

5)     Dieser Papyrus aus der Zeit zwischen 2500 und 2000 v.Chr. war ein
         regelrechtes Lehrbuch der Chirurgie und der Knochenheilkunde.

        Zitiert nach: Henry E. Sigerist, Der Arzt in der ägyptischen Kultur, Zürich
        1963,  S.99 f. (zurück zum Text)

6)     Papyrus Edwin Smith, übersetzt von Wolfgang Westendorf, Stuttgart 1966
        (zurück zum Text)

7)     Dr. W.M. Pahl vom Institut für Anthropologie und Humangenetik der Abteilung
        Radiologie der Universität Tübingen kam nach der röntgenologischen
        Untersuchung eines Schädels (im Museum zu Assuan) zu dem Ergebnis:
        ,,The lesion in the frontal region is through-shaped and smoothly defined.
        The internal table is
  intact. According to differential diagnosis is to be
        assumed that the cause of the defect is either pathological (for example of in-
        flammatory genesis) or more probably an intentional surgical operation...
        In the latter case the operation would have been performed intra vitam.
        The patient survived the procedure.”

        Siehe auch: Emma Brunner-Traut, Die alten Ägypter, Stuttgart 1981, S.160
        (zurück zum Text)

8)     H. Grapow, Kranker, Krankheiten und Arzt in Ägypten, Berlin 1956,
         S.84, 118 und 130 (zurück zum Text)

9)     Dr. Johannes Ludwig Schmitt, Atemheilkunst, Bern 1981, S.529 und 580 f.
        (zurück zum Text)

10)   Papyrus Ebers , a.a.O., S.171

         Hierfür wurde ein Stuhl ohne Sitzplatte benutzt, unter dem in einer kleinen
         Pfanne die Essenzen auf    glühenden Kohlen erhitzt wurden. Von dort stiegen
         die Dämpfe zum Beckenboden auf. (zurück zum Text)

11)   E. Brunner-Traut , Die alten Ägypter, Stuttgart 1974, S.145 (zurück zum Text)

12)   Joachim Spiegel , Das Werden der altägyptischen Hochkultur, Heidelberg 1953,
         S.291 ff. (zurück zum Text)

13)    Siehe hierzu:

         H. Grapow , Kranker, Krankheiten und Arzt, Berlin 1956, S.96 und 133
       
         Sigismund von Gleich , Vom Weltentraum zum Erdenleben. Babylonien und
         Ägypten, Stuttgart 1938, S.70 ff.

                Diese Umstände werden von den meisten Ägyptologen und Medizinern zu wenig berücksichtigt, weil sie beharrlich die Tatsache ignorieren, daß Paradigma und Ideologie der eigenen Fachdisziplin sowie der im Westen vorherrschenden materialistischen Wissenschaftsauffassung generell nur eine Variante unter vielen historischen und aktuellen Wissensauffassungen sind. Die meisten Schulwissenschaftlicher interessieren sich dementsprechend nur für solche Bruchstücke historischer Vorstellungen, die ihrer eigenen Ideologie von Wissenschaft entsprechen. Und diese Bruchstücke werden dann entsprechend voreinge nommen interpretiert. Ein typisches Beispiel ist die Aussage von Julia Budka (in: Heilkunst und Zauberei - Medizin im alten Ägypten, in: Kemet 4/2000): "Geistig Kranke wurden als 'Menschen in der Hand eines Gottes’ bezeichnet, was verdeutlicht, wie sehr man sich hier (im alten Ägypten, d.Autor) schwer tat, natürliche Ursachen zu finden (für Geistesk rankheiten, d.Autor).” In dieser Einschätzung wird nicht einmal die Möglichkeit in Betracht  gezogen, daß im alten Ägypten (wie übrigens in vielen anderen spirituell orientierten Kulturen) „Geisteskrankheit” angesehen wurde als ein veränderter Bewußtseinszustand, anders als normal, aber nicht notwendigerweise krankhaft.

          Siehe auch: Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang,
          a.a.O., bes. S.55-70 und 238-284 (zurück zum Text)

 

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