Körperstruktur und Bewegung des Menschen in der altägyptischen Kunst

Vorbemerkung

Jede Kunstepoche kann unter den verschiedensten Aspekten betrachtet und kontrovers diskutiert werden: Ästhetik, Stil, Werkverfahren, handwerkliche Qualität, kunst- und geistesgeschichtliche Zusammenhänge des jeweiligen Menschenbildes usw.

    Zum Menschenbild gehört auch das Verhältnis zur eigenen Körperlichkeit. Wenn wir verschiedene Kulturen und Zeitalter an uns vorüberziehen lassen, können wir feststellen, daß die dargestellten menschlichen Körper sich nicht allein stilistisch, sondern vor allem auch in ihrer physischen Form, ihrer Gestalt unterscheiden. Ganz bestimmte Haltungen und Bewegungsmuster werden dementsprechend jeweils bevorzugt dargestellt.

    Diese unterschiedlichen Formprinzipien tendieren entweder zu einer ausgewogenen Ausrichtung des Körpers im Schwerefeld der Erde oder zu einer in diesem Sinne mangelhaften Körperstruktur.

    In der einschlägigen ägyptologischen und          kunstgeschichtlichen Literatur fehlt dieser Aspekt der Kunstbetrachtung - der Aspekt der Körperstruktur also - fast vollständig.

    Im vorliegenden Beitrag geht es um diese Frage nach den körperstrukturellen Zusammenhängen bei den ägyptischen Kunstwerken. Ich bin dabei vom Konzept Dr. Ida Rolfs , der Begründerin der Methode der „Strukturellen Integration“, ausgegangen und habe unter diesen Aspekten altägyptische Skulpturen und Flachbilder betrachtet. Die Aussagen, die daraus gewonnen werden, lassen sich unmittelbar aus dem Kunstwerk selbst ablesen.

Exemplarische Besprechung einiger Kunstwerke

Für das Erfassen von Körperbau- und Bewegungsprinzipien ist es hilfreich, die Abbildungen nicht nur analytisch mit dem Auge zu erfassen, sondern mit dem ganzen Körper zu erspüren und so auf sich wirken zu lassen.

    Ein schönes Beispiel für strukturell ausgewogene Schreit-Stand-Rundbilder sind die der DienerInnen von Abb.1.

    Die Figuren weisen eine aufrechte Haltung auf. Die seitliche Lotlinie kann mühelos vom Fußknöchel des Standbeins über Knie und Hüftgelenk, Ellbogen und Schulter bis zum Ohr verfolgt werden. Die einzelnen Körpersegmente werden von den jeweils darunterbefindlichen Segmenten optimal unterstützt. Gleichzeitig dehnt sich der Körper mühelos nach oben aus - sichtbar an der Extension des Kopfes aufwärts.

Abb 1: DienerInnen (ca. 1900 v.Chr.)

    Die Aufnahme läßt gut den fließenden Übergang zwischen Becken und Wirbelsäule erkennen. Es gibt keinen Knick zwischen Kreuzbein und 5. Lendenwirbel und auch kein Hohlkreuz aufgrund vorgeschobener Lendenwirbel. Besonders hervorheben möchte ich bei der mittleren Dienerin die Stellung des Arms, welcher die Kopflast hält. Er bleibt in der Frontalebene, in der sich die laterale Körperlinie befindet. Dies hat als Voraussetzung einen ausgewogener Spannungszustand zwischen den Muskeln, die den Arm mit der Körpervorderseite verbinden, und denen, die den Arm mit dem Rücken verbinden.

    Altägyptische Sitzfiguren lassen unschwer die gleichen strukturellen Merkmale erkennen wie die besprochene Stand(-Schreit)-Figur.

    So z.B. die Göttin (Abb.2). Die Segmente des Körpers befinden sich vom Becken an aufwärts mit ihren Schwerpunkten exakt über den darunter befindlichen, sind also vertikal um die innere Körperachse herum ausgerichtet. Der Oberkörper ruht bequem auf dem Becken, die Wirbelsäule kann sich mühelos aufrichten

 

  Abb.2: Göttin (Neues Reich)

    Viele ägyptische Kunstwerke zeigen Menschen bei der Arbeit, beim Sport oder spielend. Daher sind Motive verschiedener Bewegungsvorgänge sehr zahlreich in der altägyptischen Kunst. Das weitverbreitete Vorurteil, altägyptische Kunst sei statisch, ist also unzutreffend.

    Wenn wir die Art der dargestellten Bewegung bei altägyptischen Rund- oder Flachbildern betrachten, so fällt der öknonomische, also kraftsparende Gebrauch des eigenen Körpers auf.

Abb.3: Schreiner (18.Dynastie)

    Abb.3 zeigt zwei Schreiner bei der Arbeit. Beide Männer nutzen optimal das eigene Körpergewicht aus, um den für ihre Arbeit nötigen Kraftaufwand gering zu halten. Die eine Voraussetzung dafür ist mit der Unterstützung der oberen Segmente durch die unteren schon genannt. Wir finden dies auch bei dem zweiten Mann (links) gegeben, denn sein Gewicht wird durch das weit vorgestellte Bein aufgefangen. Gleichzeitig - und das ist die zweite Voraussetzung - ermöglicht das vorgebrachte Bein eine nach vorn gerichtete Gewichtsverlagerung und Kraftübertragung.

    Die aufrechte Haltung des Mannes rechts im Bild hat seinen Grund darin, daß der Rumpf sich auf dem leicht nach vorn gekippten Becken mühelos aufrichten kann. Die Folge ist, daß der innere Raum des Oberkörpers nicht komprimiert ist, Atmung und innere Organe finden genügend Raum.

    Die Skulptur der Abb.4 stellt einen Bierbrauer dar. Er arbeitet in einer faltenden Bückhaltung. Knie, Becken und Rumpf balancieren sich gegenseitig aus. Dank dem Ausdehnungsmodus von Bewegung sind Körpervorderseite und -rückseite offen und weit. Fussgelenke, Knie und Hüftgelenke bleiben flexibel. Die Kraft überträgt sich vom Boden in die Körpermitte und von dort in die Arme. Die Aufmerksamkeit des Mannes ist auf die Umgebung gerichtet und gleichzeitig im Boden verwurzelt.

 

 Abb.4: Bierbrauer (2450 v.Chr.)

Auseinandersetzung mit herkömmlichen Auffassungen

Die vorbildlichen Bewegungsmuster von Menschen in der altägyptischen Kunst erwecken beim Betrachter den Eindruck von Leichtigkeit und Mühelosigkeit. Dieser typische Eindruck hat in der Literatur häufig verdrehte Begründungszusammenhänge gefunden.

    So schreibt etwa Walther Wolf:

    ,,Nun gibt es eine Unmenge tätig bewegter Gestalten in den Flachbildern (...) Wir denken da besonders an die Bilder arbeitender Handwerker. Aber wie mühelos scheint ihre Arbeit vor sich zu gehen! Die einzelnen Glieder des  Körpers (...) sind in ihrer Stellung als wesentlich und kennzeichnend für die ausgeübte Tätigkeit wiedergegeben; doch sie scheinen sich nicht gegenseitig zu beeinflussen oder aufeinander zu wirken.“ (Hervorhebung von mir) 1)

    Wolf meint, das altägyptische Rundbild habe kein Lebenszentrum, von dem aus die Glieder bewegt und zueinander in Beziehung gesetzt werden. An die Stelle des Gleichgewichts zwischen dem Ganzen und seinen Teilen trete der Vorrang der Teile vor dem Ganzen. Dies bedeute einen Verzicht auf die Herausarbeitung des Funktionalen.

    Ähnlich urteilt Heinrich Schäfer 2), wenn er die Vokabel ,,schein-organisch“ gebraucht und behauptet, daß die ägyptische Auffassung des Organismus die Teile  nicht einander helfend unterordne, sondern sie ohne innere wechselweise Beziehung aneinandersetze.

    In Wahrheit ist es jedoch genau umgekehrt: Die Bewegung von der Körpermitte aus und ein optimales Aufeinanderbezogensein der Körpersegmente ermöglichen das Leichte und Spielerische der Bewegung bei den in altägyptischen Flachbildern dargestellten Personen. Tatsächlich sind die Einzelteile des Körpers bei den Skulpturen klar voneinander differenziert. Dies geschieht aber in einer strukturell und funktional sehr genau aufeinander abgestimmten Weise, so daß sich insgesamt eine integrierte Gesamtform des Körpers im dreidimensionalen Raum ergibt.

    Emma Brunner-Traut argumentiert ähnlich wie Wolf, wenn sie kein ,,funktionales Ineinandergreifen“ im Ausdruck der Bewegung erkennen kann. Sie sieht nur ,,normierte Gebärden“ und meint, daß Bewegung oder Tätigkeit bei den Ägyptern nicht tatsächlich dargestellt, sondern lediglich zeichenartig dargestellt worden sei: diese Person arbeitet gerade dies und eine andere gerade jenes. 3)

    Selbst wenn man von normierten Gebärden sprechen möchte, so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß uns eben nicht nur die spezielle Tätigkeit signalisiert wird, sondern auch das körperfunktionale Wie der Ausübung. Und das Faszinierende ist, daß auf das Wie der Bewegung nicht irgendeine, sondern die bestmögliche Antwort  gegeben wurde.

    Zu Recht schrieb Dr. Ida Rolf, die Begründerin der körperpädagogischen Methode der „Strukturellen Integration“:

    „Es gibt in der Welt verschiedene Vorstellungen von einem Gleichgewicht  (des menschlichen Körpers, d. Verf.). Wir definieren eine Vorstellung, die über Jahrhunderte hinweg nicht mehr vorgebracht wurde. Ich vermute, daß diese Vorstellung zur Zeit der alten Ägypter bekannt gewesen ist. (...)

    Unser Gleichgewicht - die Horizontalen, die wir erreichen möchten - ergibt sich aus der Wechselwirkung von Bewegung in drei Ebenen (…) Nur wenn alle drei Ebenen in einer ausgewogenen Beziehung zueinander stehen, kann ich das Ergebnis als Gleichgewichtszustand akzeptieren.“ 4)

Schluß

In der Geschichte hat es über so lange Zeit kaum eine Kunst gegeben, die, wie die ägyptische, in solch prägnanter Klarheit, auf hohem Niveau, ideale strukturelle Formprinzipien des Körperbaus und entsprechend vorbildliche Bewegungsprinzipien bei der Menschendarstellung wiedergegeben hat.

    Diese Tatsache macht altägyptische Skulpturen und Flachbilder als Ausdruck eines pädagogischen Körper-Ideals für den heutigen Betrachter hochinteressant, insbesondere für Fachleute und interessierte Laien auf den Gebieten der Bewegungskunst, Körpertherapie und -pädagogik.

    Zusätzlich erschließen sich über den Strukturaspekt der Körperdarstellung zusätzliche Erkenntnisse über die Zeit der Pharaonen (Körperbewußtsein...), besonders über das geistige Menschenbild der alten Ägypter.

 

Anmerkungen

1) Walther Wolf, Die Kunst Ägyptens, Stuttgart 1957,
     S.62 ff. und 270 f.
    
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2) Heinrich Schäfer , Von ägyptischer Kunst, Wiesbaden
     1963, S.347 f.
    
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3) Emma Brunner-Traut in einem Nachwort zu: H.Schäfer,
    Von ägyptischer Kunst, a.a.O., S.410 f.
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4) Ida Rolf, Rolfing im Überblick, Paderborn 1993,
    S.76 f. und S.125 f.
    
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