Buchbesprechungen

Erik Hornung: Das esoterische Ägypten, C.H.Beck, München 1999,
                        232 S.

Der Untertitel von Hornungs Buch lautet „Das geheime Wissen der Ägypter und sein Einfluß auf das Abendland“. Damit ist das Vorhaben des Autors gekennzeichnet, die zwei Gegenstände seiner Erörterung sind klar umrissen. Erfüllt das Buch die selbstgesteckten Ziele?

         Beginnen wir mit dem Anspruch, das geheime Wissen der Ägypter (die Esoterik des alten Ägypten) wiederzugeben. Ganze dreizehn (!) Seiten nimmt Hornungs Suche nach einer altägyptischen „hermetischen“ Esoterik ein. Nun kann man auch auf dreizehn Seiten Wesentliches und Erhellendes sagen. Das ist aber hier nicht der Fall. Der Autor verbleibt an der Oberfläche des Themas, wie dies mit wenigen Ausnahmen immer der Fall ist, wenn Ägyptologen sich mit der spirituellen/religiösen Seite ihres Forschungsgegenstandes beschäftigen. Das Absurde dieses Verhaltens sei an einem analogen Beispiel veranschaulicht: Jeder kennt das christliche Bild vom Himmel, bei der die Engel und die Heiligen vor Gottes Thron stehen und ihm heilige Gesänge darbringen. Darf eine Erklärung dieses Bildes sich mit der Schilderung des äußeren Inhaltes begnügen und dann behaupten, die christliche Vorstellung des Himmels sei kindlich? Natürlich nicht, denn es handelt sich um ein Bild (!) geistiger Wirklichkeit, das der Welt der sinnlichen Wahrnehmung entnommen ist und das verschiedene symbolische Schichten beinhaltet. Ägyptologen wie Hornung verfahren mit der ägyptischen Welt spiritueller Bilder und Symbole jedoch so, wie es kein ernstzunehmender Religionswissenschaftler mit der christlichen Symbolik tun würde.

         Der Grund ist, daß die meisten Ägyptologen andere Wissensgebiete und Erkenntnismethoden als die eigenen nicht zu Rate ziehen. Grundlegende Vorfragen wie die Frage nach der Stellung Ägyptens innerhalb der Bewußtseinsgeschichte der Menschheit , nach dem Unterschied zwischen Esoterik und Exoterik usw. werden nicht geklärt bzw. in die eigenen Überlegungen miteinbezogen. Angesichts dieses grundlegenden Mangels ist Hornungs Behauptung, „daß die Ägyptologie inzwischen die einzige Disziplin ist, die sich noch mit dem Ganzen einer alten Hochkultur beschäftigt, nicht nur mit ausgewählten Teilen“, eine unwahre Behauptung oder Illusion. Es ist heutzutage nicht mehr zu vermeiden, interdisziplinär an die Fragen des eigenen Wissensgebietes heranzugehen, weil zu viele Forschungsergebnisse aus anderen Wissensgebieten vorliegen (Physik, Biologie, Geisteswissenschaft, Körperpädagogik etc.), ohne die auch die Ägyptologie einfach nicht auf der Höhe des gegenwärtigen Diskussionsstandes ist.

         Im zweiten (weit umfangreicheren) Teil seines Buches präsentiert der Autor eine Fülle von Material, das die abendländische Rezeption des esoterischen Ägypten durch die Jahrhunderte darstellt. Eine Fleißarbeit, die manch wertvolle Hinweise gibt, die jedoch eigene Nachforschungen nicht überflüssig macht. Denn auf die Schilderungen Hornungs sollte man sich nicht ohne weiteres verlassen. Da wird vieles unverdaut oder falsch wiedergegeben.Ein Beispiel: Die Beschreibung von Sinn und Zweck der Mumifizierung bei Rudolf Steiner (Begründer der Anthroposophie)  wird bei Hornung nur stark vereinfacht und damit verzerrt wiedergegeben. Tatsächlich hat Steiner die Mumifizierung unter einer ganzen Reihe unterschiedlicher Aspekte dargestellt.

         Ein anderes Beispiel: Im Buch wird behauptet, bei den von griechisch-antiken Persönlichkeiten geschilderten Einweihungen in ägyptische Mysterien handele es sich in Wahrheit um hellenistische Mysterien. Begründungen für diese Meinung bringt der Autor freilich nicht. Demgegenüber fragt man sich: Wieso sprechen die Griechen, die die Initiation in Ägypten durchgemacht haben, immer von „ägyptischen Mysterien“, wenn sie doch angeblich eigentlich hellenistische meinen? Und warum reisen sie extra nach Ägypten, um hellenistische Mysterien zu erleben? Und wer hat die angeblich hellenistischen Mysterien nach Ägypten exportiert?

         Leider macht Hornung in seinem Buch keine Unterschiede zwischen Esoterik und Pseudoesoterik. Der mögliche Einwand, welche Kriterien denn für eine solche Unterscheidung gelten sollten, sei zu schwierig, gilt nur sehr eingeschränkt. Die innere Kongruenz von esoterischen Strömungen, die praktischen Resultate und die persönliche Authentizität ihrer Vertreter sind Kriterien, die zumindest Annäherungen an diese Unterscheidbarkeit zulassen.

         Ein letzter – wesentlicher Einwand – gegen die im Buch vorgenommenen Bewertungen: Hornung versucht einen deutlichen Trennungsstrich zwischen hermetischem und pharaonischem Ägypten zu ziehen. Dabei weiß jeder, der sich über beide Gebiete informiert hat, daß es in der Bilderwelt und den Texten des pharaonischen Ägypten eine Fülle von – später so genannten hermetischen – Inhalten gibt. Doch dies muß Hornung entgehen, weil er an der Oberfläche von Phänomenen verbleibt und andere Wissensgebiete mit ihren Ergebnissen ignoriert.

         Das vorliegende Buch bestätigt leider einen Satz von Erik Iversen: „Wenn man die Banalität und Langeweile bedenkt, auf die – mit wenigen Ausnahmen – das Studium von ägyptischem Denken und Religion reduziert wurde durch Generationen uninspirierter und auch nicht inspirierender Schul-Gelehrsamkeit, dann kann es kaum gefährlicher sein, die Subtilität des ägyptischen mythischen Denkens zu überschätzen als sie zu ignorieren.“ (E.Iversen, Canon and Proportions in Egyptian Art, Warminster /UK 1975, S.65)

 

Frank Teichmann: Die ägyptischen Mysterien. Quellen einer
                              Hochkultur, Verlag Freies Geistesleben,
                              Stuttgart 1999, 300 S.

Die Publikationen des Ägyptologen Frank Teichmann stellen eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen dar, wenn es um eine sachgerechte Behandlung des spirituellen Ägypten in der Ägyptologie geht. Der Grund ist, daß er neben seinem ägyptologischen Fachwissen über profunde geisteswissenschaftliche Kenntnisse und Erfahrungen verfügt.

         Ausgehend von einer Klärung seiner erkenntnistheoretischen Voraussetzungen, die im besten Sinne interdisziplinär zu nennen sind, widmet sich Teichmann den vorliegenden Phänomenen in Kultur, Religion und Kunst des alten Ägypten. Daraus entwickelt er seine Thesen über die ägyptischen Mysterien. Er nimmt die LeserInnen mit auf eine Entdeckungsreise, bei der seine Sichtweisen und Argumente offen glegt sind, also den Widerspruch ermöglichen.

         Stellenwert, Inhalte und äußere Formen der altägyptischen Einweihung werden eingehend geschildert und durch Textinterpretationen sowie hervorragendes Bildmaterial veranschaulicht und belegt. Darüber hinaus werden die ägyptischen Mysterien In den größeren Zusammenhang der Mysteriengeschichte der Menschheit eingeordnet.

        Etwas bedauerlich ist, daß die spirituelle Grundlage der ägyptischen künstlerischen Darstellung der Menschengestalt vom Autor nur am Rande behandelt wird.

         Alles in allem: ein Standardwerk, das für ein Verständnis des alten Ägypten unverzichtbar ist.

         Frank Teichmanns frühere Publikationen über das alte Ägypten sind übrigens eine wertvolle Ergänzung seiner neuesten Arbeit und seien deshalb hier aufgeführt:

    Der Mensch und sein Tempel. Ägypten, Stuttgart 1978
    Die Kultur der Empfindungsseele, Stuttgart 1990

     

John Anthony West: Die Schlange am Firmament. Die Weisheit des
 
                                alten Ägypten , Zweitausendeins, Frankfurt/M.
                                 2000, 332 S.

Der elsässische Mathematiker und Philosoph Renè Aor Schwaller de Lubicz (1891-1962) war einer derjenigen Ägyptologen, die sich um ein tieferes Verständnis der Symbolwelt des alten Ägypten bemüht haben. Wie gewissenhaft er arbeitete, geht schon aus der Tatsache hervor, daß er fünfzehn (!) Jahre lang den Tempel von Luxor untersuchte, vermaß und darüber gearbeitet hat. Seine Bücher sind leider nur in französischer und z.T. in englischer Sprache verfügbar.

         John A. West hat Schwaller de Lubiczs Werke studiert und ist von dessen Stieftochter Lucie Lamy beraten worden. Sein Buch „Die Schlange am Firmament“ möchte die wesentlichsten Aussagen Schwaller de Lubiczs wiedergeben und dessen Forschungsergebnisse weiter untermauern.

         Die Kernthesen des Buches sind: 1. Die altägyptische Wissenschaft, Medizin, Mathematik und Astronomie waren weitaus umfassender, als die meisten Ägyptologen wahrhaben wollen. 2. Die Hieroglyphen, die Bauwerke und die darstellende Kunst enthalten verschlüsselte Botschaften, die das spirituell fundierte Wissen der Eingeweihten wiedergeben. Die Schlüssel, welche zu lesen eine außerordentlich komplexe Arbeit ist, sind aus der Sinneswelt genommene Symbole/Bilder und mathematische Verhältnisse. 3. Die ägyptischen Eingeweihten haben ihre Kenntnisse von einer sehr viel älteren Kultur erhalten. Diese ältere Kultur ist Atlantis . 4. Die altägyptische Kultur, vor allem die des Alten Reiches stellt einen kulturellen Höchststand dar in Bezug auf Wissen, Können, Moral und Lebensverhältnissen der Menschen, dem bis heute ein – von Ausnahmen abgesehen – stetiger Niedergang folgte. Dementsprechend ist die Überzeugung von einem menschlichen Fortschritt durch die Jahrtausende eine falsche. 5. Die Weisheit des alten Ägypten für uns heutige Menschen nutzbar zu machen, ist eine Überlebensfrage für die Menschheit. Umso verhängnisvoller ist die Tatsache, daß die etablierte Schul-Ägyptologie das Werk Schwaller de Lubiczs durch „eine Mauer des Schweigens“ bzw. durch radikale Abweisung bekämpft.

         Zu 1: Zwar ist es richtig, daß auch heute noch Wissen und Kultur der alten Ägypter vielfach unterschätzt werden, allerdings wird es von West und/oder Schwaller de Lubicz manchmal überschätzt. So wird undifferenziert „eine genaue medizinische Kenntnis der Anatomie, Pathologie und Diagnostik“ in den medizinischen Papyrii konstatiert (S.47). Ebenso undifferenziert wird behauptet, daß „die altägyptische Medizin, gemessen am Standard der Schulmedizin, als fortschrittliche zu gelten hat“ (S.164). Wir kommen auf den Grund für diese totale Abwertung der Gegenwart zugunsten einer euphorischen Ägypten-„Nostalgie“ noch zurück. Geradezu zynisch wirkt die Aussage Wests: „Auch wenn persönlicher Reichtum...im alten Ägypten offensichtliche Erscheinungen waren..., gelang es den alten Ägyptern doch, während ihrer langen Geschichte das Leben des Volkes einfach und unkompliziert zu halten und einen Großteil ihrer Talente und ihres Reichtums dafür einzusetzen, religiöse Kunst und Bauwerke zu schaffen.“ (Hervorhebung von mir)

         Zu 2: Der Versuch Schwaller de Lubiczs, die in Schrift, Literatur, Kunst und Architektur Ägyptens enthaltene Symbolik zu entschlüsseln und zu verstehen, kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Dieser Aufgabe haben sich nur wenige gestellt und einen Dialog zwischen verschiedenen Auffassungen gibt es bis heute so gut wie nirgends. Deshalb wäre es mehr als billig, Schwaller de Lubicz mit Hinweis auf bestimmte Irrtümer abzuwerten. Dennoch sollen verschiedene Fehler, Unklarheiten und Schwächen nicht verschwiegen werden. Wieso z.B. der Phallus des Osiris , wenn er in einer Darstellung an der Stelle der Nabelschnur sitzt, die Macht des Osiris zur Selbsterneuerung symbolisieren soll, bleibt unklar. Die Behauptung, daß bei Flachbildern die Götter stets mit zwei rechten Händen abgebildet sind, wenn es sich um eine aktive, gebende Geste handelt, und mit zwei linken Händen, wenn die Geste eine passive/nehmende ist (S.25 u. 175), habe ich überprüft und stimmt schlicht nicht. Daß der Tempel in Luxor ein riesiges, steinernes Symbol für die gesamte altägyptische Weisheit und Wissenschaft sei, mag wohl sein, aber die „Beweisführung“ für diese These in Wests Buch ist überwiegend schwach. Allerdings ist nicht immer ganz klar, ob dieser Mangel zu Lasten von Schwaller de Lubicz oder seines „Berichterstatters“ West gehen. Da ich selber nur zwei Bücher Schwaller de Lubicz gelesen habe (die Vorfassung von „The Temple in Man“ und „Esoterism and Symbol“), konnte ich diese Frage nicht abschließend klären. Unzureichend sind auch die Ausführungen zur spirituellen Zahlensymbolik, die sicherlich in Kunst und Architektur der Ägypter enthalten ist. Für die Zahlen 6, 8 und 9 sind Charakterisierung der Zahlen und die Beispiele dafür einfach nicht ausreichend.

         Zu 3: Daß die altägyptische Kultur sich im wesentlichen nicht langsam entwickelt hat, sondern sehr schnell ausgereift in Erscheinung trat, wird von West überzeugend dargelegt. Die Schlußfolgerung liegt auf der Hand: es gab offensichtlich Quellen, aus denen die Schöpfer der altägyptischen Kultur ihr Wissen und Können erhalten haben. Der Versuch Wests/Schwaller de Lubiczs, hier einen direkten (!) Bezug zu Atlantis herzustellen, ist m.E. nicht schlüssig. Und der Versuch, die Sphinx von Gizeh in ihrer Entstehung auf die Zeit des Untergangs von Atlantis (9000 v.Chr.) zurückzudatieren mit Hilfe geologischer Argumente muß wohl als gescheitert angesehen werden. (Wo die „Skeptiker“ recht haben, haben sie recht.) Wer sich darüber kundig machen möchte, woher die Inspirationen der ersten Pharaonen und Eingeweihten stammen, lese besser bei Frank Teichmann nach (s. Buchbesprechung oben).

         Zu 4: In Wests Buch erscheint das alte Ägypten wie der Gipfel menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten. Im Kontrast dazu wird unsere moderne westliche Kultur treffend charakterisiert und ihr quasi-religiöser materialistischer Fortschritts-Glauben zu Recht scharf und manchmal richtig witzig kritisiert. Allerdings offenbaren diese Schilderungen auch stets ein fehlendes Verständnis Wests/Schwaller de Lubiczs für die Existenz und das Wie der menschlichen Bewußtseinsentwicklung. Die Entwicklung des analytischen Denkens und der (vorübergehende) Verlust der Beziehung zur geistigen Welt sind keine Betriebsunfälle, sondern – mit all seinen Vor- und Nachteilen – eine sinnvolle Etappe der Evolution des Menschen. Analytisches Denken, (materialistische) Wissenschaft und gesellschaftliche Veränderungen dien(t)en der Entwcklung des menschlichen Potentials und seiner Freiheitsfähigkeit. Sie sind insofern durchaus Fortschritt, wenngleich Fortschritt immer auch Verlust bedeutet (ein fort schreiten von etwas). Gefährlich ist/wird es, wenn und insoweit wir uns nicht weiterentwickeln wollen, d.h. „klar denkend“ wieder eine Beziehung zur geistigen Welt erarbeiten wollen. Es wird tatsächlich Zeit, daß wir Fortschritt adäquat beschreiben, nämlich als Fortschritt von Bewußtsein und moralischen Qualitäten.

         Zu 5: Daß die gesellschaftliche dominierende Stellung unserer heutigen – weitgehend materialistischen – Wissenschaft inklusive der herrschenden Ägyptologie ein Hindernis sind, die altägyptische Weisheit für uns heutige Menschen nutzbar zu machen, und daß die herrschende Ägyptologie nicht einmal ihren eigenen methodischen Ansprüchen genügt, dies erfährt der Leser in Wests Buch auf geradezu peinvolle Art. Die Ignoranz und die menschliche Demütigung, die René Schwaller de Lubicz und seinem Lebenswerk entgegengeschlagen sind, empören nicht nur West. Auf der anderen Seite sollte dieser Sachverhalt diejenigen nicht mutlos machen, denen an einer ernsthaften wirklichkeitsgerechten, d.h. eben auch spirituellen Erforschung und Aufnahme des alten Ägypten gelegen ist.

         Es ist nicht nur wünschenswert, sondern überfällig, daß sich endlich ein deutscher Verlag aufrafft, die vorliegenden Werke Schwaller de Lubiczs herauszubringen. Ich habe den Eindruck, daß John A. Wests Buch nicht ausreicht, um sich ein umfassenderes und klares Bild zu machen.

         Dennoch, und trotz mancher sachlicher Fehler (man sollte z.B. schon den Unterschied zwischen den menschlichen Seelenanteilen Ba und Ach der alten Ägypter sauber charakterisieren können und nicht in einen Topf werfen) – trotzdem empfehle ich Wests Buch. Es ist reich an Fakten und brauchbaren Hypothesen. Und nicht zuletzt: man spürt beim Lesen die persönliche Betroffenheit und Begeisterung des Autors.

 

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