Körperbewußtsein und Bewegungsverhalten der alten ÄgypterInnen
Die Ägypter waren ein sehr auf das Jenseits ausgerichtetes, religiöses Volk, gleichzeitig aber auch
dem Diesseits zugewandt. Kaum ein anderes Volk der Weltgeschichte hat sich so intensiv mit dem Tod auseinandergesetzt. Wer aber den Tod nicht verdrängt, der empfindet weniger Lebensangst.
Da diesseitiges Leben selbstredend leiblich ist, stellte Gesundheit für die Ägypter einen hohen Wert dar, der freilich die geistige Gesundheit mit einschloß. ,,Leben, Heil und Gesundheit!" war eine
gebräuchliche Grußformel. Der hohe Standard ägyptischer Heilkunst, berühmt und gefragt in der gesamten antiken Welt,
belegt die große Aufmerksamkeit, die dem körperlichen Wohlbefinden galt. Das Gesundheitswesen war für die damalige Zeit und Gesellschaftsform in hohem Maße differenziert und vorbildlich
ausgebaut. Körperlich oder geistig Kranke sowie Körperbehinderte wurden nicht ausgegrenzt oder benachteiligt. Es gehörte zum moralischen Kodex, sie nicht zu verachten oder zu schädigen.
Körperlich Mißgebildeten war der Aufstieg in der Beamtenhierarchie nicht verwehrt. Reinlichkeit, Körperpflege sowie Gesundheitsvorsorge durch Fasten und regelmäßige
Darmreinigung standen hoch im Kurs. Der Übergang zwischen Schönheitspflege und gesundheitlicher Körperpflege war fließend.
Die Ägypter genossen eine Sexualität ohne Prüderie. Viele Bildnisse signalisieren in verschlüsselter Form oder in - freilich seltenen - freizügigen Zeichnungen eine Sinnenfreude ohne Schuldgefühle und
Verklemmungen. Eine ebenso kultivierte wie zärtliche Erotik vermittelt die Literaturgattung der Liebespoesie.
Im religiösen Kult und bei Festen weltlicher Art spielte der Tanz eine große Rolle. Es gab strengere und lebhaftere sowie ekstatisch-akrobatische Tanzformen. Die Tänzer(innen) waren
BerufstänzerInnen, den Tanz als Element einer Paarbeziehung gab es nicht, man ließ gewissermaßen tanzen. Sport und Spiel wurden dagegen allgemein betrieben. Neben der kultischen Ausübung existierten
auch der sportliche Wettkampf sowie die Körperbewegung aus reinem Vergnügen. Es gab Lauf, Sprung, Ringen, Stockfechten, Boxen, Rudern, Schwimmen, das sogenannte Fischerstechen,
Bogenschießen, Wagenrennen, Ballspiele und schließlich die Jagd und das Fischen. Pantomimische Bewegungsspiele nach Texten und Liedern bilden gewissermaßen eine Brücke zu
den Mysterienspielen, die an bestimmten religiösen Festtagen aufgeführt wurden, wenn es sich dabei auch wohl eher um Textrezitationen und rituelle Gesten als um wirkliches Theaterspiel unter
Einbeziehung von Körperbewegung und Körpersprache handelte. Da körperliche Bewegung auch außerhalb des Arbeitslebens bei den Ägyptern offenbar eine
beachtliche Rolle spielte, gilt es zu prüfen, ob sie bestimmte typische Haltungs- und Bewegungsmuster besaßen und ob diese mit den in der Kunst abgebildeten übereinstimmen.
Eine der wenigen Arbeiten, in denen versucht wurde nachzuprüfen, inwieweit Zeichnungen, Reliefs und Malereien reale, alltägliche Bewegungsabläufe der alten Ägypter physiologisch exakt
wiedergeben, ist die Sportdiplomarbeit von Lutz Weber über die Rudertechnik. Ich möchte deshalb hier von den Ergebnissen seiner Arbeit berichten:
Die Ägypter benutzten auf dem Nil und seinen Seitenkanälen sowie auf dem Meer kombinierte Segel- und Ruderschiffe. Da das Rudern in erster Linie von der Notwendigkeit bestimmt war, Schiffe
als Verkehrs- und Transportmittel einzusetzen, und erst in zweiter Linie sportliche Motivation eine Rolle spielte, war die Entwicklung der Rudertechnik vor allem auf einen ökonomischen und physisch
lange durchhaltbaren Bewegungsablauf ausgerichtet. Weber benutzte als Vorlage für seine Untersuchung Darstellungen einer Schiffsexpedition der Ägypter in das Land Punt zur Zeit der Pharaonin
Hatschepsut aus der 18.Dynastie. Die Malereien im Tempel der Königin zu Deir-El-Bahari zeigen eine Reihe von Schiffen, bei denen die
Ruderbesatzungen in verschiedenen Phasen eines Ruderzugs dargestellt sind. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit einer realitätsbezogenen Rekonstruktion der Rudertechnik. Vergleiche mit Darstellungen
aus dem Alten und Mittleren Reich zeigten übrigens, daß die rekonstruierte Rudertechnik nicht nur für das Neue Reich Gültigkeit hatte.
Weber untersuchte jedoch nicht nur Bildmaterial, sondern zusätzlich wurden praktische Experimente durchgeführt. Auf einem am Rheinufer vertäuten Pontonschiff wurden zwei ägyptische
Ruderbänke eingerichtet, die einschließlich des Nachbaus der Ruder die alten Bedingungen weitestgehend nachstellten.
Hier nun eine ausführliche Beschreibung des Bewegungsablaufs beim Rudern, wie Lutz Weber ihn rekonstruiert hat (siehe Abb.):
,,Der Ruderer steht mit beiden Beinen fest auf dem Deck und streckt die Arme vom Körper, um in die Auslage zu gehen. Das Blatt befindet sich in diesem Moment außerhalb des Wassers
und wird zum Einsatz bugwärts geführt. (Phase a in der Abb.). Wenn das Blatt ins Wasser taucht, zieht er mit den Armen und dem Rumpf Richtung Körper.
Gleichzeitig stemmt er die Beine gegen das Deck. Durch das Ziehen mit dem gesamten Oberkörper bewegt der Ruderer sich mit dem Gesäß zur Ruderbank hin
Um das Blatt aus dem Wasser zu heben, werden die Hände nach unten gedrückt. Gleichzeitig wird das schiffsinnere Bein zurückgesetzt, um das Aufstehen zu ermöglichen.
Durch das Aufstehen in der Schrittstellung und das Vorbeugen des Oberkörpers gehen gleichzeitig die Hände (actio-reactio) weiter nach unten und ermöglichen es, das Blatt frei vom Wasser zu führen
(Phasen e bis g). Das Blatt wird nach hinten geführt, der zurückgestellte Fuß wieder neben den anderen gesetzt und der neue Einsatz vorbereitet."
Dieser Ablauf gewährleistet durch den Einsatz des ganzen Körpers und das Ausnutzen des Eigengewichts, also der Schwerkraft, eine langsame und runde Bewegung mit möglichst geringem
Kraftaufwand und ohne einseitige Belastung von Rücken und Schultergürtel. Sehr im Kontrast dazu steht die rein sitzende Art zu rudern, wie sie bei den Galeeren etwa der Römer und der späteren
abendländischen Geschichte üblich war. Die dadurch erzwungene Rudertechnik mit all ihren Nachteilen kann hier nicht diskutiert werden.
Noch heute kann man in Ägypten manchmal bestimmte Bewegungsmuster und Haltungen beobachten, wie wir sie bei den alten Ägyptern als typisch abgebildet finden; vor allem bei den
Fellachen und den Nubiern. Charakteristisch für diese Art sich zu bewegen ist, daß der Körper nicht gestaucht wird, sondern sich ausdehnt. Ich habe dies z.B. bei Ruderern auf dem Qamrun-See am
Rande der Oase Fayum beobachtet. Und bei Siko, unserem Felukenkapitän in Assuan, konnte ich beobachten, wie er sich von der Hüfte her mit geradem Rücken über die Reling ins Wasser beugte.
Bemerkenswert ist auch die ausbalancierte Art, wie Frauen, z.T. freihändig, den Wasserkrug auf dem Kopf tragen. Dies ist nur möglich, wenn die Körpersegmente vertikal und ohne
Bewegungsblockierung fein schwingend um die innere Körperachse angeordnet sind. Indirekte Hinweise auf den Bewußtheitsgrad einer Kultur in Bezug auf Körperstruktur und
Haltungs- bzw. Bewegungsmuster liefert uns das gebräuchliche Sitzmobiliar. Die einfachen Ägypter saßen vor allem auf dem Boden oder auf niedrigen Hockern, die vornehmeren vor allem auf Stühlen.
Die auf Rund- und Flachbildern abgebildeten Sitzgelegenheiten sind bei aller Ästhetik eher funktional gestaltet und ermöglichen eine aufrecht bequeme Sitzhaltung.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß im alten Ägypten vielfach vorbildliche Bewegungsmuster, die eine integrierte Körperstruktur beinhalten, intuitiv gespürt und gelebt wurden.
Wir haben es dabei nicht mit einer ,,ausgedachten", sondern eher mit einer natürlichen Grazie zu tun, wie sie Völkern eigen ist, die sich noch in einer Lebensordnung befinden, welche in die Natur
eingebunden ist. Die Ägypter befanden sich zwar bereits auf dem Wege der Lösung aus dieser Ordnung. Aber wie kein Kulturvolk dieser Entwicklungsstufe offenbaren sie in ihrer Kunst trotzdem
noch ein gelebtes Gespür für das Gleichgewicht zwischen Bindung und Freiheit. Ihr Körperbewußtsein und -gefühl für die ,,richtige" Bewegung im Einklang mit der Schwerkraft als Teil
einer als umfassend erlebten kosmischen Ordnung war noch nicht gestört durch Reflexion und ,,ästhetisierende Ziererei" (Heinrich von Kleist).
Trotz einer den Körper schonenden Art der Bewegungsabläufe gab es auch im alten Ägypten häufig Wirbelsäulen- und Knochenerkrankungen. Die Gründe hierfür sind aber vor allem in den
extremen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht sowie - vor allem bei den unteren Volksschichten - in einseitiger Ernährung und krankmachenden Arbeitsbedingungen zu sehen.
Literatur zum Thema: - Hans Georg Brecklinghaus, - Wolfgang Decker
, Sport und Spiel im alten Ägypten, München 1987 - Hermann Grapow, Kranker, Krankheiten und Arzt in Ägypten, Berlin 1956 - Heinrich Schäfer, Von ägyptischer Kunst, Wiesbaden 1963 - Lutz Weber, Rekonstruktion der ägyptischen Rudertechnik in der 18.Dynastie, - Rembert Watermann, Bilder aus dem Lande des Ptah und Imhotep, Köln Home Vorherige Seite Nächste Seite
|
|||||||||||||||||||
|
|
|||||||||||||||||||